Gibt es „Erkennungsmoleküle“?

Von Tilman Neudecker

Auf der Suche nach den molekularen Schlüsseln zum physikalisch-chemischen Verständnis des Phänomens „Psyche“, nach den materiellen Grundlagen des Geistes, haben die Molekularbiologen in den letzten Jahren entscheidende Fortschritte erzielt. In einigen Fällen, etwa in der Erforschung der molekularen Mechanismen des Lernens und des Gedächtnisses, ist es ihnen sogar gelungen, einen ersten Blick in die Betriebsgeheimnisse des Gehirns, jener geheimnisvollen, eigenartig schwammigen, grauen Zellmasse zu werfen.

Während der Gehirnentwicklung werden die verschiedenen Zentren des Gehirns aufgebaut und miteinander verbunden. Diese Verschaltung geschieht durch Kontaktnahme von Nervenzellen miteinander vermittels spezialisierter langer Zellfortsätze, den sogenannten Neuriten oder Axonen. Dieser Vorgang folgt offensichtlich einem ungeheuer komplizierten Plan, der sicherlich genetisch festgelegt ist. An seinem Ende steht die Ausbildung bestimmter Schaltmuster, die man mit Programmen eines Computers vergleichen kann.

In der postnatalen Entwicklung bis zur völligen Reife des Gehirns scheint es möglich, daß die Verschaltungen noch Modifikationen unterworfen werden und daß möglicherweise Lernprozesse einen Einfluß auf die Verstärkung der Kontakte zwischen den schon funktionell verbundenen Nervenzellen ausüben.

Es wird angenommen, daß derartige Verknüpfungen auch für die Funktionen des Gedächtnisses bedeutsam sind. Rätselhaft ist freilich immer noch, welche biochemischen Prozesse dabei eine Rolle spielen.

Nach einer Modellvorstellung könnte es „Erkennungsmoleküle“ geben, die im zentralen Plasma der Nervenzellen hergestellt werden, dann in die Zellfortsätze wandern und in der Peripherie bei der Kontaktaufnahme und Verschaltung eine Rolle spielen.