Von Marion Gräfin Dönhoff

Cambridge, im April

Nicht im Gewerkschaftshaus in Königswinter am Rhein fand in diesem Jahr die deutschenglische Konferenz statt, sondern in dem wahrscheinlich schönsten College von England, dem noblen Trinity College in Cambridge.

Im Schein der ersten Frühlingssonne – Narzissen und Krokusse blühen schon und um die Mandelbäume schwebt ein leichter rosa Schimmer – schritten etwa sechzig Deutsche und siebzig Engländer durch das große Tor in den riesigen, nahezu quadratischen Hof. Der weite Platz ist über hundert Meter breit, mit Rasen bedeckt, von kopfsteingepflasterten Wegen durchzogen; die zweistöckigen Gebäude, die ihn säumen, sind um 1600 erbaut worden, stammen also aus der letzten Phase der Elisabethanischen Epoche.

Hier hat Isaac Newton geforscht, Lord Byron seine ersten Verse geschrieben, hier haben Francis Bacon, Macaulay, Lord Rutherford, Jawarhalal Nehru, Wittgenstein studiert, wurden sechs Premierminister erzogen. Dies ist eines der Colleges, in dem die Führungsschicht Englands geprägt wurde, die das größte Weltreich aufgebaut und beherrscht hat, das die Geschichte kennt; damals, als man noch stolz war, zur Elite zu gehören – eine Einrichtung, die dann in unseren Tagen in Establishment umbenannt wurde, um dann besser diskreditiert werden zu können. Sechshundert Trinity-Leute sind im Ersten Weltkrieg gefallen, vierhundert im Zweiten – ihre Namen stehen an den Wänden der Kathedrale von Trinity-College verzeichnet.

Drei Tage diskutierten Abgeordnete, Professoren, Journalisten, Industrielle miteinander unter der Chairmanship von Sir Frank Roberts, der bis 1968 englischer Botschafter in Bonn war. Die Themen der verschiedenen Gruppen: Ost-West-Beziehungen, die Erweiterung Europas, die Zukunft der Parteien, die Rolle der Erziehung in der modernen Gesellschaft. Zum zwanzigsten Male war man seit dem Ende des Krieges zusammengekommen, und die Vertreter der beiden Regierungen versäumten auch diesmal nicht, der Erfinderin dieser Zusammenkünfte, Frau Lilo Milchsack, vielfältiges Lob zu spenden.

Außenminister Michael Stewart, der am Abend nach einem Diner in der hohen, gotischen Dining Hall zu den Versammelten sprach, wies daraufhin, daß die Regierungen wenig ausrichten könnten, wenn nicht Gruppen wie diese das Verständnis der Probleme beider Seiten vertieften. Und soviel steht für den, der die meisten dieser Zusammenkünfte mitgemacht hat, fest: Es gibt keine zweite Konferenz, auf der man so viele qualifizierte und noch dazu so ungewöhnlich nette Menschen trifft; man hält gar nicht für möglich, daß sie alle zum Establishment gehören.