Leichtathletik: Viele Hitzköpfe und Rebellen und nur wenige große Leistungen

Von Wolfgang Wünsche

Mit 15 spektakulären Weltrekorden waren die Olympischen Spiele 1968 in Mexico City bahnbrechend in der Leichtathletik. Eine neue Ära war angebrochen. Nach diesem „Hoch“ kehrte jedoch schnell wieder der Alltag in die Stadien der Welt zurück. Vieles wurde ein Jahr nach Mexiko ins rechte Licht gerückt, was Mexiko mit seiner Kunststoffbahn und mit der Höhenluft zum Guten und Bösen verzerrt hatte. Die höhengewohnten, farbigen Läufer aus Kenia und Äthiopien wurden 1969 in den Ebenen von Europa, Amerika und Australien wieder „entzaubert“. Athleten wie Temu, Biwott, Kogo und Wolde ging in Warschau, Stockholm, London oder Los Angeles vorzeitig die Puste aus.

Doch nicht sie allein enttäuschten. Alles überragende Sprintzeiten der Amerikaner blieben nach Mexiko ebenso aus wie neue Superweiten und -höhen im Weitsprung, Dreisprung oder Hochsprung. Der kuriose Stil des amerikanischen Hochspringers Dick Fosbury reizte zur Nachahmung. Doch keiner sprang höher als 2,15 Meter, sozusagen rückwärts über die Latte – außer Fosbury selber, der mit 2,19 Meter jedoch deutlich hinter seiner olympischen Siegeshöhe (2,24 Meter) zurückblieb Es waren vor allem Zehnkämpfer und Frauen, die in den vergangenen Monaten von diesem alles revolutionierenden Spiel profitierten. Der Standard in den Mittelstrecken, im 400m-Hürdenlauf und in den Staffeln sank. Was war die Ursache der Leistungsflaute in Lauf und Sprung?

Das olympische Fest hatte die Weltelite mürbe gemacht. Die physischen und psychischen Anstrengungen offenbarten sich erst viele Monate später, als neue Kraftproben hohen körperlichen Einsatz verlangten. Etwa beim Duell der Erdteile in Stuttgart, bei den Europameisterschaften in Athen oder bei vielen Länderkämpfen. Läufer, Springer und einige Werfer waren ohne Elan und Feuer. Sie waren einfach müde. Auch die Zuschauer, verwöhnt von den Resultaten des mexikanischen Höhenrausches, reagierten auf ihre Weise. Gar mancher Platz in den Stadien blieb leer.

Die Kost des Jahres 1969 nach dem überreichen Menü von Mexiko war für Athleten und Zuschauer zu schwer gewesen. Selbst hartgesottenen Amerikanern, hinsichtlich ihrer guten Kondition, Härte und Unbekümmertheit seit Jahrzehnten Vorbild, wurden die Knie weich. Es hat sich gerächt, daß im heißen Sommer 1969 ein Wettkampf dem anderen folgte. Erdteilkämpfe und Europameisterschaften sind eine herrliche Angelegenheit. Gerade deswegen sollte man sie behutsamer pflegen. Weniger wäre nach Mexiko mehr gewesen. Es sind kaum Anzeichen vorhanden, daß übereifrige Organisatoren, die stets neue Superschauen organisieren wollen, in die Schranken gewiesen werden.

Den Athleten kann man es wahrlich nicht verübeln, wenn sie von Start zu Start reisen. Für sie ist die Versuchung eben zu groß. Es sind nicht allein die verlockenden Spesen, ob karg oder sehr fett. Es ist auch nicht allein der Erlebnishunger. Viele Läufer werden in ihrem Eifer blind und vergessen, daß wenige, aber gezielte Starts mehr einbringen als eine Verzettelung bei kleineren Scharmützeln.