Die Werke des Geistes sind ewig feststehend, aber die Kritik ist etwas Wandelbares, sie geht hervor aus den Ansichten der Zeit, hat nur für diese ihre Bedeutung, und wenn sie nicht selbst kunstwerklicher Art ist, so geht sie mit ihrer Zeit zu Grabe. Heinrich Heine

Intendanz Meisel noch offen

Nachdem es zunächst so schien, als sei Kurt Meisel unter Ausschluß der Öffentlichkeit vom Bayerischen Kultusministerium zum Intendanten des Münchner Residenztheaters bereits berufen worden, hat die Bayerische Staatskanzlei nach den ersten Reaktionen in der Öffentlichkeit mitgeteilt, daß nach der Geschäftsordnung der Regierung der Dienstvertrag mit den Intendanten des Staatsschauspiels der Genehmigung durch den Ministerrat bedürfe. Hier sei noch keine Entscheidung gefallen. Die Süddeutsche Zeitung, die Theaterleute zu der Berufung des 57jährigen Schauspielers und Regisseurs Kurt Meisel befragte, der zur Zeit Oberspielleiter am Wiener Burgtheater ist, nachdem er vorher Münchens Staatstheater in dergleichen Funktion nicht eben erfolgreich mitgeleitet hatte, erhielt unter anderem von Fritz Kortner die Antwort: „Ich habe den Eindruck, daß Ihre Anfrage den Text, den die Redaktion sich selbst auszusprechen scheut, uns Befragten in den Mund legen will. Verzeihen Sie, daß ich ihn halte.“

In Moskau: Sündenböcke gesucht

In der Moskauer Prawda gab dieser Tage A. Dmitrjuk, der stellvertretende Presseleiter des Zentralkomitees, einen Überblick über Presse, Rundfunk und Fernsehern Er verteilte Noten darüber, wie gut das Thema Vaterländischer Krieg und Patriotismus in den letzten Monaten zur Geltung gebracht wurde. Neben Lob gab es auch scharfen Tadel. Zum Beispiel sei (im Hinblick auf die bevorstehenden Feiern zum 25. Jahrestag des Kriegsendes) in einigen Redaktionen die Rolle der Etappe, des Hinterlandes sträflich vernachlässigt. Lew Ginsburg, der Schriftsteller und Übersetzer (deutscher Literatur), wurde aus diesem Anlaß ausgiebig gerügt. Seine Sünden: Er hatte zu Ende des vergangenen Jahres in der (damals noch Twardowskij unterstehenden) Zeitschrift Nowyj Mir Schilderungen seiner Begegnungen mit „politischen Leichen“ veröffentlicht, mit Schirach, Schacht, Speer, Esser, mit Hitlers Sekretärin Junge und mit der Schwester Eva Brauns. Über die faschistischen Menschenhasser und Dunkelmänner müsse man von einer anderen Warte aus schreiben. Von welcher? Wir hören es nicht. Jedenfalls seien Ginsburgs Arbeiten ungeeignet, die soziale Klassenstruktur des Faschismus zu entlarven. Es geht aus dem Prawda-Artikel nicht hervor, wer mehr gemeint ist, Ginsburg oder der zurückgetretene Solschenizyn-Protektor Twardowskij, dem auf diese Weise eine Ohrfeige „post festum“ versetzt wird.