Nasser fühlt sich wieder stark. Nach einer mehrwöchigen Pause flog seine Luftwaffe erneut Angriffe gegen israelische Stellungen am Suez-Kanal. Und dem Nahost-Beauftragten des Weißen Hauses, Joseph Sisco, der die Lage für eine amerikanische Friedensinitiative erkunden wollte, erteilte er eine barsche Abfuhr.

Keine Frage, daß die Sowjets Nasser Mut gemacht haben. Ist es auch noch ungewiß, wie viele SAM-3-Raketen samt Bedienungspersonal Moskau an den Nil geschickt hat, bleibt es auch höchst zweifelhaft, ob sowjetische Piloten die neuen MIG-Düsenbomber steuern – die Schützenhilfe des mächtigsten Bundesgenossen der Araber spornt Nasser an, sich für die Wunden zu rächen, die ihm die Israelis zugefügt haben. Es scheint ihm an der Zeit, noch einmal zu zeigen, daß er zwar eine Schlacht, aber noch längst nicht den Krieg verloren hat – und sei es auch um den Preis, daß er nicht mehr Herr im eigenen Hause, sondern den Sowjets auf Gedeih und Verderben ausgeliefert ist.

Für die Israelis bedeutet die Sowjetisierung des unerklärten Krieges an der Kanalfront eine weitere Eskalation. Setzen sie ihr Bombardement im ägyptischen Hinterland fort, müssen sie einkalkulieren, daß sie dabei auch Sowjets töten. Die Folgen wären unabsehbar. Damit mag auch Moskau rechnen. Daß die Sowjetunion ihre militärische Präsenz verstärkt und nun bereits eigene Luftabwehrstellungen aufgebaut hat, soll die Israelis abschrecken, ihre Vorwärtsverteidigung fortzusetzen.

Die Erfahrung freilich lehrt, daß die israelischen Vergeltungsstrategen sich nichts vorschreiben lassen. Auch sie sind zu Gefangenen geworden. Vernunft zählt nicht mehr im Nahen Osten, auf keiner Seite. D. St.