Wien, im April

Völlig zivil, als seien sie kunstliebende Touristen, nahmen sich jene mehr als hundert Amerikaner und Sowjetrussen aus, die letzte Woche fast zaghaft den barocken Marmorsaal des Wiener Schlosses Belvedere betraten. Vom österreichischen Protokoll nur durch ein Arrangement von Frühlingsblumen voneinander getrennt, stellten sie sich in zwei Gruppen auf, einige in Begleitung ihrer Damen, die östlichen wie die westlichen im Mini-Look, der sich nur in den Farben unterschied.

Wenn man manchem der Herren nicht angesehen hätte, daß er sich in Uniform wohler zu fühlen pflegt, dann wäre auch später, als sie sich – erst etwas steif, dann miteinander scherzend – für die Photographen an den Verhandlungstisch setzten, niemand auf den Gedanken gekommen, daß sie im Dienst ihrer Regierungen über das größte Arsenal des Todes verfügen, das die Welt je gesehen hat. Niemand hätte angenommen, daß sie zu dieser (nach den Sondierungsgesprächen von Helsinki) ersten Verhandlungsrunde über die Begrenzung der strategischen Rüstung (SALT) durch den Automatismus der gegenseitigen Abschreckung bewogen werden.

Kann dieser fatale Wettlauf um immer neue Waffensysteme gebremst werden? Im goldglänzenden Schloß des Prinzen Eugen konnte es so scheinen. Vor fünfzehn Jahren hatte hier auch Molotow jenen Staatsvertrag unterschrieben, der Österreich aus der Ost-West-Konfrontation entließ.

Der amerikanische Delegationschef, Botschafter Smith, verzierte seinen Optimismus mit Binsenweisheiten: „Wir beide haben von einem Fehlschlag nichts zu gewinnen, doch wir und die Welt haben viel zu gewinnen durch einen Erfolg.“ In Präsident Nixons Botschaft, die Smith verlas, war freilich der gute Wille, zu einem Abkommen zu gelangen, mit präzisen Adjektiven versehen worden: „Ausgeglichen und überprüfbar“ müsse sein, was man vereinbare. Smith sparte auch nicht mit Komplimenten für die „hohe Qualität“ der sowjetischen Delegation, der mehr Generale und Obristen angehören als der amerikanischen.

Doch der stellvertretende sowjetische Außenminister Semjonow nahm die Höflichkeiten des Amerikaners mit unbewegter Miene zur Kenntnis. Er hatte im Belvedere einen Text vorzutragen, dessen Tenor kühl war. Zwar war auch hier vom guten Willen und vom notwendigen Erfolg die Rede, Breschnjews Bereitschaft zu einer „vernünftigen Vereinbarung“ wurde erwähnt, obwohl er gerade in Charkow gegen die amerikanischen Militärs gewettert hatte. Dann aber kam ein Satz, der nicht zu dem wohltemperierten Eröffnungszeremoniell paßte: Von den Prinzipien der Koexistenz her gehe die Sowjetunion auch an die Frage des strategischen Wettrüstens heran, „an dessen Ausweitung die aggressiven imperialistischen Kreise interessiert sind“.

So hieß es wörtlich im russischen Text, mochte später auch die TASS-Übersetzung, zumal die in aller Welt verbreitete englische Fassung, den Sinn abschwächen: „... dessen Ausweitung den aggressiven imperialistischen Kreisen dient.“ Nach sowjetischer Terminologie gehören zu den „imperialistischen Kreisen“ keine anderen als eben jene, mit denen sich die Sowjets nun zwei Monate lang an den Verhandlungstisch setzen wollen. Hansjakob Stehle