Von Friedhelm Gröteke

Italien ist weit weniger zimperlich als die Bundesrepublik: Die Regierung und die Notenbank in Rom wollen erst dann Inflationsalarm schlagen, wenn die Lebenshaltungskosten um mehr als sechs Prozent steigen. Jede darunter liegende Teuerung wird nach ihrer Meinung in diesem Jahr ohnehin von den wichtigsten Welthandelspartnern Italiens erreicht: Weniger als sechs Prozent bedrohen die internationale Konkurrenzlage des Landes nicht.

Italien ist freilich nicht mehr weit vom Aufleuchten der roten Warnlampe entfernt. Das Land, das 1968 noch mit einer Preissteigerungsrate von 1,5 Prozent zu den stabilsten Ländern der Welt zählte, ging 1969 mit 4,5 Prozent Indexsteigerung auf Inflationskurs, und dabei blieb es auch im Februar dieses Jahres, dem Monat mit den letzten Zahlen.

Obwohl das statistische Zentralamt nach langem Streik seiner Mitarbeiter jetzt wieder – wenn auch mit einiger Verspätung – wichtige volkswirtschaftliche Daten liefert, kann sich die Regierung gegenwärtig nur ein unvollkommenes Bild von der Wirtschaftslage machen. Das ist um so schmerzlicher, als Italien derzeit Rezession und Inflation zugleich bekämpfen muß. Da fast alle Mittel, die preisdämpfend wirken, auch eine Belebung der Volkswirtschaft verhindern, kann die erkrankte italienische Wirtschaft mit einer falschen Dosierung von Mitteln stärker in eine Flaute getrieben werden.

Die Antwort auf die Frage, wie sich Arbeitslosigkeit, starke. Lohnerhöhungen, hohe Unternehmergewinne und fehlende Investitionslust zusammenreimen, liegt im politischen Bereich. Die italienischen Gewerkschaften sind zum Kampf gegen die Unternehmer angetreten, sie – wollen das kapitalistische Wirtschaftssystem stürzen. Zugleich attackieren sie den Staat, um ihm soziale Reformen abzutrotzen. Gleichgültig, ob sie für höhere Löhne, mehr Freizeit, gegen den Kapitalismus, gegen die Bestrafung randalierender Genossen oder für dringend notwendige Staatsreformen demonstrieren – in jedem Fall werden durch Streiks und Produktionsverzögerungen die Ergebnisse der Betriebe fühlbar in Mitleidenschaft gezogen. Das nationale Güterangebot geht zurück: Der gesamte industrielle Produktivitätsfortschritt eines Jahres wurde 1969 verstreikt.

Und doch wagt niemand in den für die Wirtschaftsplanung zuständigen Kommissionen und in der Koalitionsregierung offiziell zu behaupten, daß der heiße Herbst 1969 und die Lohnsteigerungen – zwischen 16 und 17 Prozent seit Beginn dieses Jahres – die Ursache für den Inflationsgalopp sind, zu dem die italienische Wirtschaft jetzt angesetzt hat. Die Formel von der „Sicherung der Errungenschaften des heißen Herbstes für die Arbeiter“ ist zu einem bequemen, aber gefährlichen Schlagwort geworden, weil sie von den wahren Ursachen des Preisauftriebs ablenkt. Offizieller Sündenbock ist die importierte Inflation.

Die an der gewerkschaftlichen Aggressivität nicht unschuldigen, italienischen Unternehmer, haben aus der sozialen Unruhe ihre Folgerungen gezogen: Sie drosseln die Investitionen, obwohl die Gewinnchancen gut sind. Die Kapitalbesitzer zogen es vor, ihr Geld sicherer und zugleich gewinnbringender im Ausland anzulegen. Das Ergebnis: Die Industriekapazitäten hielten mit dem nominellen Wachstum der Volkswirtschaft nicht Schritt. Nicht einmal der vorhandene Maschinenpark kann rationell. ausgenutzt werden, da sich die Gewerkschaften gegen Überstunden, Teilzeitarbeit, Akkord, Rationalisierung, Drei-Schichten-Betrieb und Sonntagsarbeit sperren.