Von Robert Neumann

Die Seller-Teller stimmen nicht. Sie klammern nicht nur populäre Nachschlagewerke aus, sie klammern nicht nur die Bibel aus – ausgeklammert wird auch das Immer-noch-Gelesenste wie Ganghofer und Karl May. Die stehen als beliebteste Ausleihbände auf den längsten Wartelisten der Provinzbibliotheken – in den guten Stad.tsortimenten, die man befragt, werden sie nicht gekauft.

Anders ausgedrückt: Der jeweils neueste Stadtgeschmack hat sich noch längst nicht bis in die Provinz herumgesprochen. Katastrophennachrichten reisen schnell; politische Überzeugungen langsamer; Kulturelles, mit oder ohne Anführungszeichen, am langsamsten. Und was für die Distanz zwischen der Großstadt und Provinz gilt, das gilt in fast noch höherem Maß für die Distanz, die innerhalb der Großstadt zwischen sozialen Schichten liegt. Während der Student über seinem Mao oder Beckett sitzt, liest seine Zimmervermieterin nebenan ihren Lore-Roman, und der Portier unten träumt noch über einem Landserheft von seiner großen Zeit. Bis der Mao sich bis zum Portier herum- oder hinuntergesprachen hat – wie lange? Und bei welcher Lektüre ist der Student dann schon angelangt?

Und nun lese man dies:

„Yvonne nahm eine vergoldete Stecknadel aus dem Samtkästchen und bohrte sie durch die schrumpelige Haut des Hodensackes, indem sie mit einem gleichfalls vergoldeten Hämmerchen auf die Nadelkuppe schlug. Es war schon die zweite Nadel. Der massige nackte Mann in der Folterkammer der Villa stöhnte auf.

‚Oh! Die Schmerzen! Aber ich verrate nichts!‘, und mit normaler Stimme: ‚Mach weiter!‘

Yvonne schlug gehorsam weiter. Die Nadel drang nun schon in ein mit rotem Samt bespanntes Brettchen ein, das unter dem Hodensack lag. Der Mann, Herr Direktor Pfitzner, stöhnte wieder. ‚Martere mich! Aber aus mir bekommst du nichts heraus!‘ Er jaulte auf. Er hatte bereits eine stattliche Erektion. Rotes Licht erhellte die Folterkammer.