Wenn die Trennungslinie zwischen den Machtblöcken auftaut..

Von Hansjakob Stehle

Ist Deutschland zerschlagen?" 1946, genau ein Jahr nach der Vernichtung des Hitler-Reiches erschien unter diesem skeptischen Titel in Polen eine 300 Seiten lange Bestandsaufnahme dessen, was trotz der Katastrophe von Deutschland geblieben war (Wydawnictwo Zachodnie, Poznan). Haß sei ein schlechter Ratgeber, hieß es da, denn "unsere westlichen Nachbarn sind und bleiben die Deutschen", die man weder liquidieren noch nach "Zentralafrika übersiedeln" könne. Hauptereignis der Untersuchung ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges:

Das wirtschaftliche Potential Deutschlands besitze weiterhin "ein für die Welt bedrohliches Ausmaß"; da die deutschen Kommunisten "als erste die Parole von der Einheit und Unteilbarkeit Deutschlands ausgaben", müsse die Bildung der Sozialistischen Einheitspartei besonders wachsam beobachtet werden: "Wir sind Zeugen der Entstehung einer für die deutsche politische Landschaft typischen nationalistischen Massenbewegung, an deren Spitze durch die Umstände bedingt – deutsche Kommunisten und Sozialdemokraten stehen..."

Fast ein Vierteljahrhundert später, angesichts zweier deutscher Staaten, die von der Konfrontationslinie zwischen Ost und West getrennt sind, könnte man solche Befürchtungen von einst belächeln – wenn nicht unter ihrem anachronistischen Gewande ein seltsam aktuell gebliebener Kern zum Vorschein käme: Noch immer und heute erst recht ist es das Potential der Deutschen – in der Bundesrepublik und in der DDR –, das den osteuropäischen Nachbarn (und nicht nur ihnen) ins Auge sticht. Noch immer und wieder geht es darum, sich vor diesem Potential zu sichern – indem man es für sich sichert oder indem man es neutralisiert. Selbst ein von der Entwicklung längst überholter Satz wie jener über Kommunisten und Sozialdemokraten gewinnt für die sensiblen Ohren vieler Osteuropäer einen neuen Hintersinn seit Erfurt.

Anders als die sowjetische Supermacht, die auf ihre militärische Stärke vertrauen kann und ihre Sicherheit nur auf die Pfeiler ihres Bündnisblocks und eines unantastbaren politischen Status quo gründen will, rechnen ihre Verbündeten mit der Dynamik, die auch im sichersten mitteleuropäischen Status quo steckt. Je geringer der geographische Abstand von den Deutschen ist, desto stärker wirkt das Bewußtsein in allen politischen Überlegungen auch der Kommunisten, daß die deutsche Frage nicht dadurch zu existieren aufhört, daß man sie im höheren Interesse der europäischen Sicherheit "einzufrieren" versucht; ja im Grunde ist (auch wenn öffentlich davon wenig zum Vorschein kommt) in Osteuropa niemals die Debatte darüber zum Stillstand gekommen, ob ein System europäischer Sicherheit mit zwei konfrontierten oder koexistierenden deutschen Staaten, die ewig der "blauen Blume" ihrer nationalen Identität nachjagen, überhaupt funktionsfähig werden könnte. Sogar der formelle Verzicht der Deutschen zwischen Rhein und Oder auf nationale Gemeinsamkeit würde in den Augen der Osteuropäer unglaubhaft wirken.

Zweifellos hat diese Verlegenheit, diese Unmöglichkeit, die deutsche Frage in einem europäischen Sicherheitssystem sowohl aufzulösen als auch mitzuschleppen, die Westpolitik der Warschauer-Pakt-Staaten in den letzten Jahren immer mehr behindert und viele ihrer – nicht nur taktisch bedingten – Schwankungen verursacht. Dazu kam, daß die Sowjetunion stets besorgt sein muß, daß die speziellen Ambitionen (Rumänien), Befürchtungen (Polen), Notwendigkeiten (DDR) oder Krisen (Tschechoslowakei) nicht die Blocksolidarität in der Deutschland- und Sicherheitspolitik gefährden.