Seine Wunschbilder: Eldorado, Eden, Faust, Don Giovanni

Von Claus Grossner

Enttäuschte Hoffnungen sind für Ernst Blochs „Optimismus mit Trauerflor“ eine Bedingung für immer neue Hoffnung. Der in die USA Emigrierte hatte es nach Ende des Zweiten Weltkriegs abgelehnt, einem Ruf ins Frankfurt Adornos zu folgen, da er „nicht daran denke, dem Kapitalismus zu dienen“. Statt dessen hoffte er, in der DDR die Entwicklung einer sozialistischen Gesellschaft mit beschleunigen zu können: 1949 wurde er Gadamers Nachfolger als Philosophie-Ordinarius in Leipzig.

1954 erschien der erste Band des fast 1700 Seiten starken Hauptwerks „Das Prinzip Hoffnung“ – doch wie Sokrates vor fast zweieinhalb Jahrtausenden der Regierung Athens als Verführer der Jugend galt, so ist der Freund von Lukács und Hans Mayer, der Lehrer Wolfgang Harichs den Parteiphilosophen der SED nicht genehm: „Es gilt, den verderblichen Einfluß der Blochschen Philosophie, den sie auf gewisse Kreise der Intelligenz und Studentenschaft genommen hatte; zurückzudrängen und zu überwinden“, so lautet der Tenor einer Parteikonferenz über „Ernst Blochs Revision des Marxismus“ im Jahre seiner Zwangseremitierung 1957 – ein Jahr nach dem Ungarnaufstand.

Am 20. September 1961 melden die Fernschreiber von „associated press“ unter ap 54 Inland: „der international bekannte philosoph und leipziger professor ernst bloch ist von einem besuch in der bundesrepublik auf grund der absperrmaßnahmen des 13. august nicht mehr in die Sowjetzone zurückgekehrt Die Begründung für seinen spektakulären Wechsel als Gastprofessor nach Tübingen (bei dem Eschenburg und Walter Jens sehr hilfreich waren) hatte Bloch einen Tag zuvor dem Präsidenten der Ostberliner Akademie der Wissenschaften, Hartke, geschrieben: „Nach den Ereignissen vom 13. August, die erwarten lassen, daß für selbständig Denkende überhaupt kein Lebens- und Wirkungsraum mehr bleibt, bin ich nicht mehr gewillt, meine Arbeit und mich selber unwürdigen Verhältnissen und der Bedrohung, die sie allein aufrechterhalten, auszusetzen.“

Der 76jährige, der sein Leben lang auf der Flucht war, von Italien, Südfrankreich und Nordafrika über Zürich, Paris, Wien und Prag bis nach Amerika immer auf der Suche nach einer besseren Welt, hat sich damals nicht etwa gegen den Sozialismus und für die kapitalistische Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik entschieden, sondern für Rosa Luxemburgs Satz: „Keine Demokratie ohne Sozialismus, kein Sozialismus ohne Demokratie.“

Immerhin, auch in der Bundesrepublik sah der Interpret Thomas Münzers, der Anhänger Giordano Brunos und der mittelalterlichen Ketzerbewegungen Hoffnungsfunken für marxistischeGesellschaftsänderung, die Revolution– und zwar 1968, auf dem Höhepunkt der linken Studentenbewegung bei der Diskussion mit Rudi Dutschke. Zwar weiß Bloch: „Auf tausend Kriege kommen nicht zehn Revolutionen; so schwer ist der aufrechte Gang.“ Doch die Erfolgsbilanz des 27jährigen Revolutionärs bewegte den 82jährigen, der wie Jeremias aus Michelangelos Sixtinischer Kapelle wirkt.