Von den Büchern, die zu Lenins 100. Geburtstag in deutschen Landen erschienen sind, hitte das kleinste – ein Büchlein aus der „edition sehrkamp“ – noch am ehesten seinen Beifall gefunden. In diesen Aufsätzen über „Resolution und Politik“ wird zur Analyse gleich die Nutzanwendung mitgeliefert: sie sollen jenen Linksintellektuellen, die Lenins Namen nur im Munde führten, zur Erkenntnis ihrer eigenen Position verhelfen. Bernd Rabehl („Zur Methode der revolutionären Realpolitik des Leninismus“) macht daher so wenig Umschweife wie einst Lenin im Umgang mit der von ihm verachteten Intelligentsia: „Die revolutionäre Intelligenz der Bundesrepublik ist an einem Punkt angelangt, wo sie sich nichts mehr vormachen kann; entweder kehrt sie zu ihrer Klasse zurück, oder sie unterwirft sich der Anstrengung, die Arbeiterklasse zu unterstützen, indem sie ... den Arbeiterkadern behilflich ist, eine revolutionäre Organisation aufzubauen.“

Neben dem Aufsatz des eher skeptischen Paul Mattick, der die Wirkungen und Verbindlichkeit ten des sogenannten Marxismus-Leninismus relativiert, und neben dem erhellenden Essay Juri Tynjanows über Lenins Rednersprache steht, hervorragend durch ihre gedankliche Kraft, die Untersuchung Ernest Mandels über „Lenin und das Problem des proletarischen Klassenbewußtseins“, Seine Arbeit, die dem vor einigen Wochen tödlich verunglückten Studentenführer Hans-Jürgen Krahl gewidmet ist, fordert von der radikalen Intelligenz und den fortgeschrittenen Arbeitern ein intensives Studium der Geschichte seit 1848, das mit einer gesamtgesellschaftlichen Analyse der Gegenwart einhergehen soll.

Mandel hält immer noch dafür, daß die revolutionäre Theorie den Arbeitermassen durch eine Organisation, wie sie Lenin konzipiert hat, vermittelt werden kann. Den landläufigen Einwand, Lenins demokratischer Zentralismus habe die Entfaltung innerparteilicher Demokratie verhindert, weiß er zu parieren, indem er die Vorzüge eines Kampfverbandes mit kollektiv kontrollierten Aktivisten abhebt von einem Wahlverein mit einer unpolitisch-passiven Mitgliedermasse. Der belgische Marxist unterscheidet zwischen dem demokratischen Zentralismus“ im Geiste Lenins, wie er vor dem August 1968 im neuen Parteistatut der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei festgelegt worden sei, und dem „bürokratischen Zentralismus“ der Moskauer Invasoren.

Lenins Kampf gegen den alles überwuchernden Apparat, gegen die „Diktatur einer Clique“ (Luxemburg), von der die innerparteiliche Demokratie und der Elan der Massen allmählich erstickt werden, ist das Thema des ungewöhnlich aufregenden Buches von Moshe Lewin („Le dernier combat de Lénine“), der als erster die Quellen über die letzten Monate Lenins gründlich durchforscht hat. Mag man auch nicht alle Schlußfolgerungen des Autors gutheißen („Wenn Lenin länger gelebt hätte...“), so gelingt es ihm doch, das Mitgefühl des Lesers für diesen Staatsmann zu wecken, der da verzweifelt mit Tod und Bürokratie um die Macht ringt – argwöhnisch bewacht von Ärzteschaft und Politbüro. Mit übermenschlicher Anstrengung diktiert Lenin Tag für Tag, jeweils für ein paar Minuten, sein „Testament“, schon ahnend, daß er die Partei nicht mehr aus dem „Sumpf“ herausführen kann, in den sie durch den von ihm selbst verordneten Terror hineingeraten ist, und im Grunde schon ohnmächtig gegen die Machenschaften Stalins, der es sich sogar erlaubte, Lenins Frau aufs gröblichste zu beleidigen.

Der kranke Lenin war ohne Verbündete hilflos, denn jetzt hatte sich seine Waffe, mit der er immer wieder Komitees und Kongressen seinen Willen aufgezwungen hatte, abgestumpft: die Drohung mit dem Rücktritt. Lewins Darstellung liest sich wie eine Bestätigung dessen, womit Günther Hillmann die von ihm ausgewählten Schriften und Briefe Lenins aus den Jahren 1917 bis 1923 begleitet: „Er, der alles, pedantisch bis in die Einzelheiten, allein entscheiden wollte, der alles zu überwachen versuchte, der sich als der Schulmeister fühlte, der allen anderen Noten zu erteilen habe... der keine Formalitäten, Spielregeln, die ihn beschränkten, anerkennen wollte, er, der also als Einzelner zu handeln schien, konnte in Wirklichkeit nicht allein, stehen und gehen.“

Neue Perspektiven öffnet die Sammlung von Aufsätzen über Lenin, die der britische Professor Leonard Schapiro herausgegeben hat. Acht seiner Mitarbeiter reflektieren das Verhältnis Lenins zur Intelligenz, zur marxistischen Theorie, zur Religion und zur Legalität, seine Leistungen als Taktiker und politischer Stratege im Krieg und seinen Umgang mit den Bauern und mit den Nationalitäten innerhalb des sowjetischen Reiches. Schapiro selber zieht sich auf die ungefährliche Bastion eines Historikers zurück, der lediglich analysieren und aufzeichnen will und Lenins Größe allein „an seiner Entschlossenheit, seiner Willenskraft, seiner Zielsicherheit und seinen Führerqualitäten“ mißt. Er enthebt ihn der Verantwortung für die Folgen seines Tuns, da sie aufgewogen werden „durch seine Integrität, seinen Mangel an Eitelkeit und seine ausschließliche Hingabe an die eine Sache, an die er glaubte“.

Den Menschen Lenin „mit seiner Widersprüchlichkeit“ wollten die österreichischen Kommunisten Franz Marek (federführend) und Ernst Fischer (mitarbeitend) präsentieren, als sie, was sie schon mit Marx probiert hatten, auch mit Lenin wagten: auf nicht einmal zweihundert Seiten zitierend und kommentierend auszubreiten, was er „wirklich gesagt habe“. Sie nehmen Lenin gegen die Vorwürfe russischer Menschewiki und deutscher Sozialdemokraten in Schutz, denen vieles an Lenins Strategie und Taktik verdächtig oder unverständlich schien: sein Drängen auf den Putsch, sein Übermaß an Disziplin und zentraler Führung, seine Weigerung, geduldig revolutionäre Prozesse reifen zu lassen. Ihr Gegenargument: Lenin als Chef einer Untergrundorganisation, die weitgehend vom Ausland aus gesteuert werden mußte, noch dazu unter den spezifischen Verhältnissen des zaristischen Rußland, konnte sich ein Zuviel an Demokratie gar nicht leisten.