Von Karl-Heinz Wocker

Es gibt die These, der britische Finanzminister Roy Jenkins habe durch seinen jüngsten, nicht sehr freigebigen Staatshaushalt die Labour Party um den nächsten Wahlsieg und sich selber an die Macht gebracht, freilich an die Macht von übermorgen. Die Spekulation sieht so aus: Gewählt wird wahrscheinlich im Oktober; Labour macht bis dahin viel verlorenen Boden wett. Die Briten kehren dann nach vielen Jahren zum erstenmal aus einem Urlaub zurück, in dem sie nicht mehr devisenbeschränkte Touristen zweiter Klasse waren. Der Zahlungsbilanz geht es preiswürdig. Die Aussicht auf acht bis zehn Jahre Tory-Herrschaft repariert manche zerbrochene Labour-Loyalität. Und im Zweikampf der Parteichefs drückt der Tabakpfeifen rauchende Taktiker Wilson den Orgelpfeifen spielenden Hagestolz Heath allemal an die Wand.

Es reicht zwar zu einem Sieg der Konservativen, aber nur zu einer geringen Mehrheit im Unterhaus. Wilson wird Oppositions- und bleibt Parteiführer. Dann aber, nach zwei oder drei Jahren, gibt es Neuwahlen, die Tones etablieren sich, und Wilson stürzt beim nächsten Parteitag. Das ist dann die Stunde für Roy Jenkins, wenn sie überhaupt je kommt.

Hätte er jetzt einen „schöneren“ Etat präsentiert, vielleicht hätte er Wilson damit einen knappen Sieg im Oktober beschert und die künftige Wiederkehr Labours nach der nächsten Tory-Ära um Jahre hinausgeschoben. Jenkins, der nur vier Jahre jünger ist als Wilson, könnte aber sehr viel später als 1980 – dann wäre er 60 – nicht auf den Premierposten hoffen.

Diese Spekulation ist eine der typischen Sinnverwirrungen, wie sie der herannahende Wahlkampf hervorbringt. Sie läßt außer acht, daß Roy Jenkins, der unmittelbar nach der Pfund-Abwertung Finanzminister wurde, seinen Landsleuten zwei Jahre Mühsal, aber dann das Ende des Tunnels versprach. Die Mühsal kam, auch der Erfolg ist da. Aber es genügt für einen Politiker nicht, daß die Experten ihn registrieren. Nur ein Wahlsieg kann erweisen, daß auch die Landsleute ihn sehen. Roy Jenkins will den Sieg so sehr wie Harold Wilson. Wie immer nach einer Niederlage die Messer für den Dolchstoß geschliffen werden: Im Augenblick drechseln Premier und Finanzminister noch gemeinsam Keulen für die Köpfe der Opposition.

Nun ist der Waliser Jenkins, Sohn eines Bergarbeitergewerkschaftlers, keine Kämpfernatur. Er spricht glänzend und schreibt noch besser, aber seine idealen Zuhörer sind eher Abgeordnete als Wähler, und die Bewunderer unter seinen Lesern halten Encounter und Observer und kaufen politische Biographien. Seit sich sein Haupthaar gelichtet hat, ist er auch vom Typ her der prominente „Eierkopf“ der Labour Party, freilich nicht einer von der kalten Sorte. Sein politischer Mentor war nicht ein Mann der Linken (wie Aneurin Bevan im Falle Wilsons), sondern Hugh Gaitskell, der Glücklose, den die Parteifunktionäre für zu schwach, zu intellektuell und zu weit rechtsstehend hielten.

„Meine Freundschaft mit Gaitskell“, schrieb Jenkins ein Jahr nach dessen Tod im Januar 1964, „hätte sogar anhaltende politische Meinungsverschiedenheiten und völlige Trennung überstanden.“ Außer in der Europa-Politik gab es aber solche Differenzen nicht. Dort waren sie freilich grundlegend: Gaitskell bekämpfte den britischen EWG-Beitritt, Jenkins sah ihn als absolut notwendig an. In Straßburg beim Europarat und auf den deutsch-britischen Gesprächen von Königswinter fiel er deshalb als weißer Rabe seiner Fraktion bald auf. Als jedoch Gaitskell starb, glaubte sein „junger Mann“, es sei das beste, die Politik zu verlassen. Anders als die prominenten Rivalen Wilsons wie Callaghan und Brown verfügte er über keine Hausmacht in der Fraktion und besitzt sie im Grunde auch heute nicht. Er hat eine Regierungskarriere gemacht, aber keine Parteikarriere. Hätte Wilson Jenkins nicht ausdrücklich zum Bleiben bewogen, so pendelte er heute wahrscheinlich zwischen Fleet-Street-Redaktionen und Oxford-Lehraufträgen hin und her.