Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im April.

Der Zusammenprall zwischen extremen Auffassungen, wie ihn der rheinland-pfälzische Kultusminister Bernhard Vögel prophezeit hatte; blieb aus. Aber am Ende des ganztägigen Hearings zur Ferienregelung, zu dem die Kultusministerkonferenz in die Bonner Beethovenhalle eingeladen hatte, reizte die Situation zu einer Abwandlung des Filmtitels von Alexander Kluge: Experten in der Urlaubskuppel – ziemlich ratlos.

Warum dies so war und warum es auch in Zukunft schwer fallen wird, gegenüber jedermann. Urlaubsgerechtigkeit zu üben, lehrte schon der Blick in die Runde der Versammelten. Nicht weniger als 70 Behörden, Organisationen, Verbände und Vereinigungen, vom Bundeskanzleram? über den Industrie- und Handelstag, den Bundeselternrat und die Verkehrswacht bis zur Arbeiterwohlfahrt und zur Gesellschaft für Sozialpädiatrie, hatte die Kultusministerkonferenz zur „Anhörung“ gebeten; rund 50 dieser Institutionen waren der Einladung gefolgt. Mit der Zahl der Urlauber wächst auch die Zahl der Urlaubsprobleme und derer, die diese Probleme zu ihren Gunsten lösen möchten.

Der Versuch, alle Beteiligten und Betroffenen zu Kompromissen zu bewegen, ist schon vor elf Jahren, auf der Kieler Ferienkonferenz der Kultusminister, unternommen worden, Doch offenkundig hat sich sein Erfolg in Grenzen gehalten; denn anders läßt sich nicht erklären, daß jetzt in Bonn fast die gleichen Fragen diskutiert wurden wie damals in Kiel. Nach wie vor gilt die Maxime, daß sich Rhythmus und Dauer der Ferien in erster Linie nach den Bedürfnissen der Schulkinder, nach pädagogischen und medizinischen Aspekten, richten sollen; aber nach wie vor stellt sich auch die Frage, wie jenen Bedürfnissen Rechnung getragen werden kann, wenn der Weg über verstopfte Autobahnen oder in überbesetzten Zügen zu überfüllten Urlaubsquartieren führt.

Nach einem Jahrzehnt des Wohlstandswachstums haben sich die Probleme nur verschärft. 28 Millionen Bundesbürger, weit mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung, werden, so die Prognose des Bundeswirtschaftsministeriums, in diesem Jahr in die Ferien fahren. Und bis 1980 wird die Reiseintensität um 50 Prozent zunehmen. Intensität – das bedeutet vor allem die Zusammenballung auf die Sommermonate. Dies ist das Kardinalproblem jeder Ferienstrategie. Unter dem Druck dieser Entwicklung wird eine „Entzerrung“ immer dringender. Mit ihr war schon in den fünfziger Jahren begonnen worden, wenngleich nur zaghaft: die weitere Ausdehnung des Gesamtzeitraums für die Sommerferien, innerhalb dessen dann die Termine für die einzelnen Bundesländer so gestaffelt werden können, daß nur ein Teil der Bundesbürger gleichzeitig „auf Achse“ ist und alle Urlauber nur innerhalb einer begrenzten Frist gleichzeitig in den Ferien sind.

Hinter diesem löblichen Prinzip steckt freilich ein Wust von Einzelproblemen. Um eine Zusammenballung zu vermeiden, müssen die Bundesländer in Feriengruppen aufgeteilt werden, die je nach Bevölkerungsstärke, geographischer Entfernung und den bevorzugten Urlaubszielen eine möglichst optimale Mischung darstellen. Aber nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb dieser Gruppen muß es eine Staffelung des sommerlichen Ferientermins geben. Und da die Sommersonne weder in den einzelnen Regionen der Bundesrepublik noch in den Nachbarstaaten gleichmäßig zu scheinen pflegt, wäre es unbillig, ein Bundesland stets auf einen besonders frühen, ein anderes stets auf einen besonders späten Ferientermin festzulegen. Wenn nicht zwischen den Gruppen, so muß es doch innerhalb der Gruppen ein „rollierendes System“ geben, das es Niedersachsen wie Bayern erlaubt, wenigstens alle drei bis vier Jahre zur klimatisch günstigsten Zeit in Urlaub zu fahren.