„Ich bin für eine Kunst, die nicht einfach auf ihrem Hintern im Museum sitzt“

Von Petra Kipphoff

Oldenburg: die Trademark kennt auch der, der noch nie ein Objekt von Claes Oldenburg in natura gesehen hat, kennt sie ebenso wie er Warhol oder Lichtenstein kennt, von denen er ganz bestimmt schon einmal eine Graphik gesehen hat. Oldenburg also: das ist der überdimensionale „Hamburger“, der zwischen zwei Brötchenhälften hervorquellende Kleister von Hackfleisch und Tomatenketchup, der amerikanische Standard-Snack, vom Künstler zu einem Format 1,32 mal 2,13 m aufgeblasen, eine Boden-Frikadelle aus Schaumgummi, überzogen mit Segeltuch, rotbraun koloriert mit Latex und Liquitex.

Ein Mister XY wäre Oldenburg geblieben, hätte er dem „Hamburger“ sein übliches Handelsformat belassen, das heißt, sich zufrieden gegeben mit der Entscheidung für die Anti-Kunst als Kunst, für Lippenstift, Cola-Flasche und Eis am Stiel als künstlerischen Vorwurf. Die Differenzierung dieses Themas und Grundkonzepts der gesamten Pop Art, die Lichtenstein durch Raster und scharfe Konturen, Warhol durch Multiplizierung und endlose Reibung gelingt, reicht Oldenburg durch zweierlei: die Überdimension und das Material.

Gewiß, auch vor Oldenburg finden sich im Magazin der Kunstgeschichte gigantische Objekte – aber eben zu entsprechend erhebenden Themen und Anlässen. Oldenburg sieht das genau umgekehrt. Genauso umgekehrt wie die Frage des Materials. Ob von ihm selbst erfunden oder für ihn geprägt: seit Oldenburg gibt es die „Soft Sculpture“, eine contradictio in adjecto, denn eine Skulptur, eine Plastik war, egal ob Nofretete oder die Bürger von Calais, egal ob aus Holz oder Stahl, bis zu Oldenburg doch immer ein Gegenstand, auf dessen Konsistenz man sich verlassen konnte. Claes Oldenburgs Plastiken jedoch, sind das Gegenteil von einer Plastik: Sie lassen sich knuffen wie ein Punchingball, quetschen wie eine Zitrone, zurechtschütteln wie ein Sofakissen.

Die „Bitte-nicht-berühren“-Ideologie ist gleich doppelt unterlaufen: Lippenstift, Schreibmaschine, Staubsauger, Kuchen, Waschbecken sind Dinge, die täglich zu berühren wir gewohnt sind, nur eben in anderer Umgebung. Und Oldenburgs Lieblingsmaterial, der glatte, glänzende Kunststoff, dieses Wegwerfmaterial mit Ewigkeitsgarantie, dieser unappetitliche Hygienegarant gehört ebenso zu unserem Alltagsleben wie gewisse Konsumartikel. Eine doppelte Aufforderung zum Anfassen also ergeht hier an den Betrachter, dem aber, aus gutem Grund, doch eher unheimlich zumute wird inmitten dieser allzu vertrauten, irritierend und aggressiv wirkenden Requisiten. Wer sich mit Oldenburg einläßt, dem geht es wie auf dem Jahrmarkt: Immer hereinspaziert – und der Spiegel drinnen zeigt dann, daß die eigene Nase noch viel komischer ist, als man ohnehin schon wußte.

Die Zutaten der .Alltagswelt werden durch die Präsentierung à la Oldenburg ihres gewohnten Fluidums beraubt, die Selbstverständlichkeit, mit der wir sie auf Grund ihrer Funktion akzeptieren, bekommt Löcher. Da hängt zum Beispiel eine riesengroße Säge an der Wand und setzt sich, dreifach, geknickt, am Boden in den Raum hinein fort; oder eine Schreibmaschine aus schwarzem Plastik sinkt lustlos in sich zusammen; oder aus einem Aschenbecher vom Format eines Goldfischteiches quellen malträtierte Zigarettenkippen. Die Gegenstände sind, wie die Säge und die Schreibmaschine, denaturiert, lächerlich gemacht – und damit auch die Verbraucher, für die die Gegenstände ihren Stellenwert verloren haben, die plötzlich mit leeren Händen dastehen. Sie sind, wie der „Hamburger“ und die Zigarettenstummel, zu der Monumentalgröße aufgeblasen, die sie, als Konsumgut betrachtet, tatsächlich im Leben des statistischen Durchschnittsmenschen darstellen.