Die Grundlage der späteren stalinistischen Entwicklung wurde zu Lenins Zeiten gelegt. Das ist keine Frage. Aber ganz sicher hatte Lenin nicht die Absicht, ein System zur Macht zu bringen, wie es sich später im Stalinismus gezeigt hat. Doch ist er dafür quasi mitverantwortlich, weil er die straff organisierte zentralistische Kaderpartei geschaffen und den Begriff des demokratischen Zentralismus geprägt hat.

Entscheidend für die Entwicklung war Lenins Konzeption von der Partei der Berufsrevolutionäre, die er 1902 in der Schrift „Was tun?“ ausführlich begründet hat. Dort wird von Lenin dargelegt, daß unter den Bedingungen der Illegalität, der konspirativen geheimen Tätigkeit eine innerparteiliche Demokratie nicht möglich ist. Aber er hat dort auch ausgesprochen, daß er diesen Zustand für einen Nachteil hält, der die freie Entfaltung der geistigen Kräfte in der Bewegung einengt, und daß er die deutschen Genossen, also die Sozialdemokraten in Deutschland, um die Möglichkeit einer freien demokratischen Kontrolle ihrer Mitglieder beneidet.

Meine Ansicht, daß sich Lenin eine demokratische Entwicklung des Sozialismus erhoffte, möchte ich durch zwei Beispiele belegen:

1. In seiner Schrift „Staat und Revolution“ hat Lenin noch vor der Oktoberrevolution ausgeführt, daß in der Selbstverwaltung die Dezentralisierung und Auflösung aller staatlichen Strukturen das Ziel der Kommunisten sei. Von ihn. stammt das Wort, ein wirklich fortgeschrittener kommunistischer Staat müsse praktisch so abgestorben und so vereinfacht sein, daß er von einer einfachen Waschfrau geleitet werden könne.

2. In seinem berühmten „Testament“ hat Lenin auf Gefahren hingewiesen, die er interessanterweise nicht nur in der Person Stalins begründet sah, sondern auch in den politischen und ökonomischen Verhältnissen des Landes, das immer noch von einer Mehrheit von Bauern bewohnt wurde und dessen Industrieproletariat ungenügend entwickelt war.

Noch eines ist zu bedenken: Die Sowjetunion befand sich in den ersten Jahrzehnten – wenn man es genau nimmt, bis 1950, also bis zu dem Augenblick, wo das atomare Patt in der Welt eintrat – in einem Zustand immer neuer tödlicher Bedrohung von außen, erst durch die Interventionskriege, später durch die Vorbereitungen Hitlers zum Zweiten Weltkrieg, dann durch die amerikanische Atombombe. In der ganzen Zeit war dieses Land gezwungen, praktisch unter Kriegsbedingungen zu leben, politisch und ökonomisch. Solche Bedingungen begünstigten ungeheuer die Alleinherrschaft einer kleinen Gruppe, die ihre Macht nicht etwa nur aus Machthunger ausübte, sondern weil sie glaubte, die gesamte Entwicklung sei in Frage gestellt, wenn sie die Macht nicht mit allen Mitteln aufrechterhielte.

Die russische Revolution hätte nach dem Manschen Konzept eigentlich gar nicht stattfinden dürfen. In der Tat standen die neugeschaffenen sozialistischen Produktionsverhältnisse in einem schreienden Widerspruch zu der Entwicklung der Produktivkräfte – gerade umgekehrt, wie Marx es gefordert hatte. Um nun die Produktionskräfte zu wecken, bedurfte es der Technik der Planwirtschaft, des Stalinschen Systems. Man versuchte einfach, mit Gewalt von oben eine Entwicklung einzuleiten, die von selbst aus der Motorik der Ökonomie des Landes nicht bewegt werden konnte. Diese Stalinschen Fünfjahrespläne haben von den Völkern der Sowjetunion ungeheure Opfer gefordert. Jahrzehnte hindurch mußten sie auf die Befriedigung der elementarsten Bedürfnisse verzichten, damit eine große Industrie geschaffen werden konnte.