Von Peter Roese

Mit kannibalischen Strudelwürmern hatte es angefangen. Sie fraßen einen aus Artgenossen bereiteten Haschee und wußten hernach, was die verspeisten Würmer zu Lebzeiten erlernt hatten. Solche Experimente widersprachen allem, was Psychologen und Physiologen über Gedächtnis und Lernen zu wissen glaubten, und wurden – vor acht Jahren – als Laborkuriositäten belächelt.

Unentwegte Experimentatoren spannen den Faden weiter. Sie zwangen Ratten und Mäuse zu widernatürlichem Tun, indem sie ihnen feinpassierte Hirnmasse getöteter Nagetiere unter die Schädeldecke spritzten. Auch jene Nager benahmen sich so, als hätten sie die Lebenserfahrungen der getöteten Tiere selbst gemacht. Die Fachkollegen gaben sich ungläubig oder skeptisch.

Nun ist der gelehrten Welt das Lächeln und die Skepsis vergangen. Auf der letzten Tagung der amerikanischen Western Pharmacology Society berichtete der Pharmakologe Professor Georges Ungar (Baylor-Universität, Houston/Texas), er habe eine der Substanzen, die derartige Wissensübertragungen mit der Injektionsspritze möglich machen, chemisch analysieren können. Diese erste chemische Formel einer Idee, die Ungar an die Leinwand des Vortragssaales projizierte, beschrieb eine Kette von 15 Aminosäuren.

Nicht mehr als ein Stäubchen – etwa ein tausendstel Gramm – gewann der Forscher aus fünf Kilogramm Rattenhirn. Doch dieses Körnchen Wundersubstanz ist der vorläufige Höhepunkt einer der unglaublichsten Entdeckungsgeschichten der modernen Forschung. Der erste Hinweis, daß Gedächtnisinhalte von einem Hirn zum anderen übertragbar sein könnten, kam von dem Biologen James McConnell vor zwölf Jahren an der Michigan-Universität in Ann Arbor zutage. Der Wissenschaftler hatte mehreren Strudelwürmern beigebracht, die Helligkeit zu fürchten und sich bei jedem Lichtreiz zusammenzukugeln. Freiheitsgewohnte Würmer recken sich dem Licht entgegen. Dann verarbeitete McConnell die trainierten Tiere zu Hackfleisch und fütterte damit ungelernte Würmer, die noch ihren natürlichen Drang zum Licht besaßen. Mit diesem kannibalischen Mahl hatten die Würmer auch die Lichtfurcht ihrer toten Mitwürmer gegessen. Der Forscher benötigte weit weniger Trainingszeit, um ihnen die Schreckreaktion vor Helligkeitsreizen beizubringen.

Damals waren diese Resultate unerklärlich. Bald aber zeigten andere Experimente, daß sich Erinnerungen tatsächlich materialisieren: Im Hirn von Tieren, die Neues zu lernen hatten, stellten die Forscher besonders eifrige Eiweißproduktion fest. Offenbar benutzen die Hirnzellen die neu hergestellten Eiweiß-Moleküle als Notizzettel, auf denen sie die neuen Erinnerungen festhalten. Bislang ist freilich ungeklärt, in welcher Sprache diese Notizen geschrieben werden und – vor allem – wie diese Eiweiß-Moleküle das Nervenschaltwerk des Hirns verändern, so daß die Erinnerungen im Verhalten wirksam werden können.

Die Eiweiß-Notizen, so konnte schließlich der Texaner Ungar zeigen, sind von Hirn zu Hirn austauschbar – nicht nur bei primitiven Würmern (die ein Gehirn als selbständiges Organ noch nicht besitzen), sondern auch bei hochentwickelten Säugetieren. Ungar unterwies die Tiere, sich gegen ihren Instinkt zu verhalten. Normale Nager lieben das Dunkle und suchen dort vor ihren Feinden Schutz. Ungar hat nun einige Ratten im Dunkeln solange mit Elektroschlägen geschockt, bis sie sich vor der Dunkelheit fürchteten. Dann tötete er sie und spritzte einen Extrakt aus ihren Hirnen anderen Nagetieren unter die Schädeldecke.