Wenn Gewerkschaftsfunktionäre Unternehmen führen, nehmen sie sehr schnell auch die Verhaltensweise von Managern an.

Manchmal ist es geradezu rührend, mit welcher Naivität linke Weltverbesserer Lösungsvorschläge für soziale Probleme vorlegen. Sie sind dabei offenbar von einem gewissen Wunderglauben nicht ganz frei. Eine der großen Hoffnungen dieser in den letzten Jahren stark gewachsenen Schar der Utopisten ist beispielsweise der Arbeiter. Sie scheint dabei bewußt oder unbewußt eine scharfe Trennungslinie zwischen Arbeitern und sonstigen Menschen zu ziehen – wobei die zweite Gruppe wohl ex definitione nur aus mehr oder weniger ausbeuterischen und bösartigen Wesen besteht.

So ist es das erklärte Ziel einiger extrem linker Gruppen, auf dem Umweg über die Mitbestimmung und andere Maßnahmen, Arbeiter in Führungspositionen der Unternehmen zu befördern – und zwar nicht, um das Management zu kontrollieren, sondern damit sie lernen, selbst Managementaufgaben zu übernehmen. Durch eine Art Blutaustausch soll der Kapitalismus so von innen her beseitigt werden.

Nun lehrt aber nicht nur die Geschichte, sondern die tägliche Erfahrung, daß die Verhaltensweise eines Menschen – ob er Arbeiter, Manager oder Politiker ist – vor allem von den Pflichten und der Verantwortung geprägt wird, die seine Aufgaben mit sich bringen. Wenn ehemalige Arbeiter in Führungspositionen der Wirtschaft aufsteigen, müssen sie notwendigerweise, auch die Interessen des Gesamtunternehmens vertreten.

Wie rasch im übrigen auch die Versuchung der Macht wirksam wird, haben nicht zuletzt die Manager der gewerkschaftseigenen Unternehmen demonstriert. Zunächst haben sie sich lange Zeit überhaupt gesträubt, die von ihnen selber laut geforderte paritätische Mitbestimmung beispielhaft in ihren Betrieben (zum Beispiel Bank für Gemeinwirtschaft, Neue Heimat) einzuführen. Die Argumente für diese Haltung waren ziemlich fadenscheinig. Als sie schließlich doch nachgaben, wurden die Vertreter der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat so ausgewählt, daß sich an den tatsächlichen Verhältnissen in diesen Gremien so gut wie nichts änderte. Die Funktionäre behielten die Macht.

Auch die Methoden, mit denen die Gewerkschaften jetzt versuchen, ihre Mitglieder dazu zu bewegen, die ihnen tarifvertraglich zufließenden vermögenswirksamen Leistungen den gewerkschaftseigenen Banken anzuvertrauen, hätten sie selber jedem privaten Bankier als Ausfluß übler kapitalistischer Gesinnung angekreidet. Doch wenn es um die Stärkung der eigenen Machtposition in der Wirtschaft geht, sieht natürlich plötzlich alles ganz anders aus. Und selbstverständlich besteht auch kein Mangel an ideologischen Begründungen für dieses Verhalten.

Kraft Geburt ist eben niemand gut oder böse, zur Unternehmensführung begabt oder zur Herrschaft bestimmt – weder Arbeiter noch Adlige. Macht läßt sich nur durch Gegenmacht, durch Verfassungen für Staat und Betrieb sowie durch ständige Kontrollen in Schranken halten. Das Verhalten der Gewerkschaften in ihren eigenen Unternehmen ist der beste Beweis dafür, wie notwendig die Mitbestimmung der Arbeitnehmer ist – gleichgültig ob Manager oder Funktionäre an der Spitze stehen. Michael Jungblut