Größere Beachtung als die wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die Schatzkanzler Roy Jenkins dem britischen Unterhaus verkündet hat, verdient, was er in seiner Budgetbotschaft nicht gesagt hat: Im Gegensatz zu jahrzehntealten Britensitten hat er keine Wahlgeschenke in Form massiver Steuersenkungen verteilt. Denn weil die Stabilität der Kaufkraft durch die alarmierende Lohnexplosion – mindestens zehn Prozent mehr kommen in jede Tüte – schon genügend gefährdet ist, will Wilson mit Wahlgeschenken vorsichtig sein.

Trotz all seiner Klagen über die angeheizte Inflation will er diese aber auch nicht bekämpfen. Labour spielt „neutral“. Und genauso „vorsichtig“, wie er zu sein versprach, verteilte Roy Jenkins denn auch seine Fiskalbonbons:

  • Die Freibeträge bei der Einkommensteuer erhöhte er um rund 20 Prozent. Zwei Millionen Briten werden dadurch vom Fiskus verschont, doch sie werden wegen ihrer rapide steigenden Einkommen bald wieder „gefesselt“.
  • Um rund zehn Prozent steigen auch die Freibeträge für Arme, Alte und alleinstehende Mütter; als sozialistischer Kanzler habe Jenkins für diese unterprivilegierten Schichten zuwenig getan, sagen Labour-Leute – und natürlich auch die Opposition.
  • Um 500 auf 2500 Pfund werden die Freibeträge für den Personenkreis erhöht, der Ergänzungsabgabe bezahlen muß – was wiederum gar nicht „sozialistisch“ ist.
  • Kleinere Veränderungen betreffen die Wettsteuer (von fünf auf sechs Prozent erhöht), die Zinsen für ausstehende Nachlaßsteuern (drei anstatt zwei Prozent), den Verzicht auf Stempelsteuern für Schecks und Quittungen beim Wechsel zum Dezimalsystem, höhere Investitionsbeihilfen für Industriebauten sowie die Umwandlung der umstrittenen Selective Employment Tax von einer Kopfsteuer zu einer lohnbezogenen Abgabe.

Nicht verändert hat Jenkins entgegen weitgespannten Erwartungen und früheren Bräuchen die Standardrate der Einkommensteuer (32 Prozent), die Kaufsteuersätze sowie die beliebten Konjunkturregulatoren: die Abgaben auf Treibstoffe, Tabak, Bier und Spirituosen.

Insgesamt pumpt der Schatzkanzler damit rund 220 Millionen Pfund in die Wirtschaft, das sind knapp zwei Prozent des totalen Steueraufkommens. Doch die Inflationsrate von über fünf Prozent – der Einzelhandelsindex stieg allein von Mitte Dezember bis Ende März um 2,6 auf 137 Punkte – frißt die kleinen Steuergeschenke ohnehin schnell auf.

Ebenfalls nur bescheidensten Erwartungen entspricht die Reduktion der Importrücklagen von 40 auf 30 Prozent; und praktisch „neutral“ sind auch Jenkins’ monetäre Maßnahmen: Die gesamte Geldmenge soll 1970/71 um fünf Prozent steigen, was gemäß den Vorstellungen des US-Geldtheoretikers Milton Friedman zu 3 bis 3 1/2 Prozent Wachstum bei 1 1/2 bis 2 Prozent Inflation führen sollte.

Als bescheidene Wachstumsspritze kann man höchstens die Reduktion des Diskontsatzes um ein weiteres halbes auf sieben Prozent interpretieren; davon verspricht sich das Schatzamt denn auch eine Senkung des allgemeinen Zinsniveaus, vor allem der Hypothekensätze, wovon die durch die zwei Jahre harter Restriktion am schwersten betroffene Bauindustrie profitieren soll.