Noch ehe Finanzminister Alex Möller den Startschuß erteilte, weiteres Staatsvermögen unters Volk zu streuen, wurde er schon wieder gebremst. Das Haltzeichen kam sogar aus Möllers eigener Fraktion. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD, Hans-Jürgen Junghans, Ausbildungschef der bundeseigenen Salzgitter AG, die Möller auch reprivatisieren will, meldete gegen den Möller-Plan Bedenken an. Junghans über die durch Indiskretionen vorzeitig bekanntgewordenen Privatisierungsvorstellungen des Finanzministers: „Man kann einen Kuchen nicht verteilen, ehe er gebacken ist.“

Nach den Modellspielen von Alex Möller soll Backen und Verteilen dagegen in einem Arbeitsgang erfolgen. Möller will sieben, der größten Industrieunternehmen des Bundes zusammenfassen und in eine Holding überführen und dann 49 Prozent des Grundkapitals der Holding in Form von Volksaktien verteilen. Nach der Teilprivatisierung von VW, Preussag und Veba wäre es die vierte Volksaktien-Aktion der Bundesregierung und vom Umfang her die größte.

Die geplante Bundesfusion soll zunächst sieben Unternehmen umfassen (siehe Tabelle). Die Saarbergwerke sollen später, hinzukommen, die restlichen VW-Anteile des Bundes ebenfalls. Als Holding soll die VIAG gewählt werden. Als erforderliches Grundkapital der sieben Bundesunternehmen wurden 1,5 bis 1,7 Milliarden Mark errechnet.

Der Umsatz des neuen Großunternehmens wird auf etwa acht Milliarden Mark veranschlagt, wobei Veba und die Saarbergwerke ausgenommen sind. Mit rund 135 000 Beschäftigten würde der Konzern damit in die Gruppe der fünf umsatzstärksten deutschen Industrieunternehmen aufsteigen. Die Holding wäre allerdings nicht auf wenige Märkte konzentriert, sondern würde ein typisches Konglomerat verwalten, das sich in den verschiedensten Bereichen betätigt: Bergbau, Chemie, Energie, Mineralölverarbeitung, Ne-Metalle, Eisen-, Maschinen- und Fahrzeugbau, Handel, Verkehr und Liegenschaften.

Der Anteil des Holdingkapitals, der privatisiert werden soll, liegt je nach der Bewertung zwischen 735 und 850 Millionen Mark. Bei einem vorgesehenen Ausgabekurs der Aktien von 200 Prozent entspräche das Privatisierungsvolumen dann 1,5 bis 1,7 Milliarden Mark, wobei ein Sozialabschlag von 20 bis 30 Prozent bereits einkalkuliert wurde.

Die Befürworter der Privatisierung argumentieren mit zwei Vorzügen: Die Führung der Unternehmen erhielte endlich ein unternehmerisches Konzept, und die Ausgabe von Volksaktien würde den Bund finanziell entlasten. Denn in jedem Fall müßte der Bund in den nächsten Jahren rund 700 Millionen Mark zur Kapitalaufstockung der Unternehmen aufbringen. Durch die Aktienausgabe würde das Geld von privater Seite in die Unternehmen fließen, und der Bund würde überdies noch einen Veräußerungsgewinn von 300 Millionen kassieren können.

SPD-Parlamentarier Junghans ist weniger optimistisch. Sein Haupteinwand gegen eine verfrühte Privatisierung stützt sich auf die noch unbewältigten regionalen wie auch sektoralen Strukturprobleme im Bereich einiger Unternehmen. Salzgitter beispielsweise machte zwar erstmals Gewinne, aber noch sehr bescheidene. Im Werftsektor sind die Probleme aber nach wie vor akut, und die Howaldt-Werft gehört zum Salzgitter-Konzern. Bei den Saarbergwerken ist die Krise noch im Gang. Junghans: „Wir sind noch nicht über den Berg.“ Er meint, daß heute niemand mehr einen Pfennig für die Salzgitter AG geben würde, wenn man vor fünf bis sechs Jahren die jetzigen Überlegungen realisiert hätte. „25 000 Arbeitsplätze wären weg.“ Solange die Konsolidierung der Bundesindustrie nicht abgeschlossen sei, könne man nichts verteilen.