Eine Fülle von Ideen bevölkern meinen Kopf. Aber alles schnell hinzuschreiben, sind meine Augen nicht mehr gut genug. Am liebsten erzähle ich Ihnen alles.“ Diese Zeilen von Richard Neutra fand ich in diesen Tagen bei meiner Rückkehr aus Tokio vor, und seine Frau Dione hatte in ihrer immer vor Begeisterung vibrierenden Art die Ankunft in Deutschland für April angekündigt und als weitere Stationen der neuen Weltreise Rußland, die Mongolei und Japan aufgezählt. Ein Nachsatz verkündete fröhlich und stolz: „Soeben erhielten wir noch eine Einladung zu einem Kongreß in Isfahan im Iran.“

Nun ist es die letzte große Reise für Richard Neutra geworden. Im Alter von 78 Jahren ist am 16. April der in Wien geborene amerikanische Architekt in Wuppertal einem Herzschlag erlegen. Er war nach Deutschland gekommen, um in Sindelfingen auf einem Bäderkongreß zu sprechen. Sindelfingen. Kein Ort der Welt war ihm zu unbedeutend.

„Er arbeitet an einem sehr wichtigen Buch, das die ganze Philosophie eines langen Lebens enthält.“ Auch diese Mitteilung seiner Lebensgefährtin im letzten Brief geht nun ins Leere. Doch riß bis zum Schluß die Fülle der Veröffentlichungen von und über diesen weltbekannten Architekten nicht ab. Der letzte Bildband, „Richard Neutra – naturnahes Bauen“, Anfang 1970 bei Alexander Koch in Stuttgart erschienen, würdigte noch einmal eine Reihe von Einfamilienhäusern, die der Architekt, der Naturnähe erstrebte, in der südländischen Szenerie Kaliforniens, in den Wüsten Westamerikas, in den Schweizer Alpen und im Norden und Westen Deutschlands gebaut hat.

Zu seinen letzten Bauten gehören die noble Casa Ebelin Bucerius in der Schweiz und sein eigenes „Forschungshaus“ am Silberlake Boulevard in Los Angeles, das Richard Neutra nach einem Brand, der im Jahre 1963 einen Teil seiner Lebensarbeit vernichtete, mit virtuosem Elan wiederaufbaute.

1931, als er das „Researchhaus“ entwarf, war das ein Prototyp für technische Neuheiten, der selbst im technologisch versierten, komfortgewohnten Amerika Neutra für lange Zeit den Ruf eines phantasievollen Technikers und wagemutigen Architekten einbrachte. Mit diesem Haus hatte er seine späte Karriere in den Staaten begründet. Nach Wien, wo ihn Otto Wagner, Adolf Loos und Sigmund Freud beeindruckten, und nach Berlin, wo er mit Erich Mendelsohn zusammenarbeitete, ging er schon 1923 nach Amerika. Er begegnete in Chikago Louis Sullivan und Frank Lloyd Wright und traf später auch Walter Gropius, Mies van der Rohe und andere Wegbereiter der Architektur des 20. Jahrhunderts wieder, die in Amerika ihr Arbeitsfeld gefunden hatten.

Richard Neutra ist nie müde geworden zu erklären, daß seine Arbeit dem Erkennen menschlicher Verhaltensweisen und der Untersuchung menschlicher Reaktionen auf die Umweltreize galt. „Biologischen Realismus“ nannte er die Theorie für seine Bauten, die den darin wohnenden Menschen physisches und psychisches Wohlbefinden schenken sollten. Er sah sich als Therapeuten, der „Seelenankerplätze“ (Psychotope) schuf. Daß die Bauten, außerdem funktionell, elegant und schön waren, in gläserner Transparenz Natur und Architektur vereinten und sich zwischen normalen Häusern wie Paradiesvögel zwischen Spatzen ausnahmen, das war wie selbstverständlich. Seine Handschrift war unverkennbar, er kümmerte sich nicht um Modeströmungen.

Neutra beschwor in seinen Erläuterungen immer wieder das Bild von der Urbehausung des Menschen im Dämmer des mütterlichen Schoßes und des unbarmherzigen Sturzes bei der Geburt in das Scheinwerferlicht einer von Instrumenten blinkenden Welt. Aufgabe des Architekten sei es seiner Meinung nach, dem Menschen wieder die schützende Umgebung zu geben, die er braucht.