Oetker wagt den Schritt zum Bundes-Einheitsbier

Von Hans Otto Eglau

Feierlich führte Dr. Guido Sandler, Generalbevollmächtigter des Bielefelder Oetker-Konzerns, das teuerste Glas Bier zum Mund, das je in Deutschland gebraut wurde. Eine Million Mark mußte Rudolf August Oetker auf den Tisch legen, ehe Sandler letzte Woche im Carolus-Saal der Frankfurter Binding-Brauerei ein für die deutsche Braubranche revolutionäres Projekt enthüllen konnte: die Einführung eines nationalen Biers unter der Marke „Prinz“.

Über drei Jahre lang hatten Braumeister, Betriebswirte, Marketing-Spezialisten, Designer, Farbexperten, Psychologen und Werbefachleute an Oetkers nationale Biermarke getüftelt. Zehn Probesude waren notwendig, um die „Prinz“-Rezeptur zu bestimmen, 30 Flaschenmodelle aus Holz, Plexi- und Hohlglas sowie 300 Etikettenentwürfe begutachteten Sandlers Bierplaner, bevor sie die Aufmachung des Markengebräus verabschiedeten. Mit Tests unter Tausenden von Bundesbürgern, von der Küste bis zu den Alpen, sicherten die Prinzen-Kürer jede Stufe ihres Projekts ab. Auf dem regionalen Testmarkt Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland soll Oetkers Bundesbier seine Bewährungsprobe bestehen. Sandlers Absatzziel für das erste Jahr: 100 000 Hektoliter. Nach fünfjähriger Einführungszeit soll der Prinz des Bielefelder Universalkonzerns (Lebensmittel, Schiffahrt, Versicherungen, Banken, Wäsche, Fischfang, Hotels) über die ganze Republik herrschen.

Lokaler Widerstand

Bisher verkauften Deutschlands Brauereien ihr Bier fast ausschließlich rund um den Schornstein oder in ihrem regionalen Einzugsbereich. Nur einzelne Sorten wie Beck’s Bier aus Bremen oder König-Pils aus Duisburg, näherten sich nationaler Distribution. Aber auch ihre Absatzkarte hat, vor allem südlich des Mains, ausgedehnte Weißflächen. Wo nicht von vornherein bereits natürliche Geschmacksgrenzen ein Vordringen in neue Gebiete vereiteln, scheitern die Großbrauer nicht selten an der Unfähigkeit ihrer örtlichen Bierverleger, neue Sorten gegen starke Lokalmarken aufzubauen.

Anders als auf dem deutschen Biermarkt (Ausstoß 1969: rund 84 Millionen Hektoliter, Umsatz: zehn Milliarden Mark), auf dem selbst die größte deutsche Einzelbrauerei, die Dortmunder Union, nur einen Anteil von rund vier Prozent hat, wird das Biergeschäft in den Nachbarländern von wenigen Brauriesen kontrolliert. So löschen in Dänemark Tuborg und Carlsberg nahezu den gesamten Bierdurst, in Holland beherrschen Heineken und Amstel den Markt, und in Frankreich teilen sich drei Gruppen, an der Spitze die Société Européenne de Brasseries mehr als die Hälfte des Geschäfts.