Die Kohle will ihre Konkurrenten mit nuklearem Brennstoff versorgen

Es klingt paradox – ein Kohlenunternehmen sieht seine Zukunft im Atomstrom. Abel die Steinkohlen-Elektrizitäts AG in Essen – kurz Steag genannt – ist ernsthaft auf der Suche nach einem Weg in die Kernenergie. Und sie ist sich – bislang jedenfalls – mit ihren Aktionären, 37 Bergwerksgesellschaften, einig, wenn sie in Zukunft ihre Aktivitäten nicht mehr ausschließlich auf die Energieerzeugung aus Steinkohle beschränkt, sondern auch die modernen technischen Verfahren nutzt. Man hat in Essen lange nach Möglichkeiten gesucht, wie man sich auch auf dem Gebiet der friedlichen Nutzung der Kernenergie betätigen kann.

Die ursprüngliche Idee, sich am Bau und Betrieb zu beteiligen, ließ man vor drei, vier Jahren fallen. Angesichts der Absatzkrise im Steinkohlenbergbau fürchteten einige Steag-Aktionäre nämlich um ihre Existenz. Sie nahmen lieber dankbar die finanziellen Vergünstigungen in Anspruch, die ihnen die Kohle-Verstromungsgesetze einräumten. In der Kernenergie sehen sie einen unliebsamen Konkurrenten heran wichsen. So verschwanden auch bei der Steag die Pläne, wie beispielsweise die Beteiligung an der Weiterentwicklung des Jülicher Kugelhaufen-Reaktors oder die Kapitalhilfe beim Bau von Kernkraftwerken, wieder in den Schubladen des Vorstandes, bevor sie an die Öffentlichkeit gedrungen waren. Inzwischen sind diese Chancen verpaßt.

Service mit Atomen

Jetzt sieht die Steag eine reelle Chance, sich an der weiteren Entwicklung der Kernenergie maßgeblich zu beteiligen, in einigen Bereichen des nuklearen Brennstoffkreislaufes. Sie will den Kernkraftwerken daher eine umfassende Versorgung mit Kernbrennstoffen anbieten. Die Nukem, die Kraftwerk-Union und die Kernreaktorteile GmbH – Unternehmen, die seit Jahren im Nukleargeschäft etabliert sind – verfolgen diese ehrgeizigen Pläne des Neulings mit großer Skepsis und sehen bereits den Tag kommen, an dem die Steag nach Verlusten von einigen Millionen Mark ihre derzeitigen Pläne wieder zurückstecken muß. Doch der Vorstand gibt sich zuversichtlich und glaubt, das Ziel bis spätestens 1980 zu erreichen. Im übrigen verweist er auf die langjährigen Erfahrungen beim Bau und Betrieb von Kraftwerken, auch wenn es Kohlekraftwerke waren.

Die Steinkohlen-Elektrizitäts AG wurde im Jahre 1937 vom westdeutschen Steinkohlenbergbau als Gemeinschaftsunternehmen gegründet, das im wesentlichen Kraftwerke bauen und betreiben sollte. Heute zählt das Essener Unternehmen auf diesem Gebiet zu den großen Ingenieurunternehmen des Ruhrgebietes. Es verfügt über einen Planungs- und Beratungsstab von rund 150 Fachleuten und über ein breit gefächertes „Know how“. Über ihre traditonellen Funktionen hinaus für den deutschen Kohlenbergbau will die Steag für in- und ausländische Energieversorgungsunternehmen als „Consulting Engineer“ oder als „Kontraktor“ bei der Projektierung und dem Bau von Kraftwerken tätig sein.

Für die reinen Ingenieuraufgaben wirbt die Steag nicht nur mit ihrer langjährigen Erfahrung, sondern auch damit, daß sie an keine Lieferfirma gebunden sei und souverän unter den internationalen Angeboten, die bei jedem Projekt von ihr eingeholt werden, wählen könne. Im übrigen, so wird vom Vorstand immer wieder betont, will man die Aktivität nicht auf die Bundesrepublik allein beschränken, sondern die Vorteile eines internationalen Wettbewerbs auch im zukunftsträchtigen Bereich der Kernenergie voll nutzen.