In seinen direkt oder verkappt autobiographischen Romanen hatte François Nourrissier bereits über „Die Franzosen“ geschrieben, da er sich selber – ohne Komplexe, aber auch ohne „complaisance“ –; als einen typischen, sogar kleinbürgerlichen Vertreter seines Volkes und seiner Generation, der Vierziger, sieht. Nun hat er ein kollektives Porträt entworfen, mit einer Bereitschaft zur Kritik und zum Vergleich, die wiederum nicht nur ihn, sondern viele Franzosen von heute kennzeichnet –

François Nourrissier: „Die Franzosen“, aus dem Französischen von Eugen Helmlé; Heinrich Scheffler Verlag, Frankfurt; 276 S., 20,–DM.

Sein Essay ist weniger aperçuhaft und polemisch pointiert als das von ihm beifällig zitierte Buch Was ist mit den Franzosen los?“ von Jean François Revel, für den Frankreich alle Rekorde der Nicht-Demokratie und der Rückschrittlichkeit bricht, das also in einem Geist geschrieben ist, den man den der „Unterheblichkeit“ nennen könnte. Nourrissier hat nicht in Revels brillanter Art ein „Frankreich, Frankreich unter allem“ verfaßt, er ist andererseits, wenngleich nuanciert und abgewogen, weniger informativ als der Engländer John Ardagh („Frankreich als Provokation“, Ullstein). Wenn Ardagh in einem vor dem Mai 1968 verfaßten Buch mehr über die Gründe der Jugendrevolte und der Hochschulmisere mitteilt als Nourrissier, der nach dem Wahlsieg Pompidous schrieb, so beweist das, wieviel zuweilen die behutsame Inventur dem sprühenden Essay voraus hat.

Der Anfang von „Die Franzosen“ wirkt ein wenig mühsam, doch hat sich der Autor allmählich freigeschrieben, und die zweite Hälfte ist äußerst lesenswert. Noch kein Ausländer, und sei er noch so sehr mit dem bösen Blick begabt, hat den französischen Geschmacksrückgang in Architektur, Inneneinrichtung und sogar Küche so treffend und konzessionslos geschildert wie er. Man ist ganz überrascht, am Schluß einem Stichwortregister Zu entnehmen, wie viele wichtige Namen und Fakten sich in einem Buch finden, das so schwerelos und funkelnd geschrieben ist. Den Gefahren der eleganten und bündigen Verallgemeinerung entgeht Nourrissier freilich nicht immer, und auch die Zahlen sind ein wenig von ungefähr.

Eugen Helmtés Übersetzung ist flüssig, gelegentlich leider auch flüchtig. Frankreich wendet sich nicht „trunken und energisch“ dem Morgen zu (vom Alkoholismus ist anderswo die Rede), sondern eher „energietrunken“. „L’intendance suivra“ – ein Ausspruch de Gaulles – heißt nicht, „das Verpflegungsamt wird überleben“, sondern der Troß wird den vorpreschenden Truppen schon nachkommen. Paul Valéry hat nicht vom Heraufkommen der „fertigen Welt“, sondern der „begrenzten Welt“ gesprochen, ein „Bewohner von gestern“ wäre eher ein Bewohner des Gestern“. Und wie wird der Leser diesen Satz verstehen: „Das fürchterliche Tout Paris ist eine Sahnetorte“? Tarte à la crème gilt dem Franzosen als das Humorrequisit einfallsloser Komiker; die richtige Übersetzung lautete etwa: „Die Schrecklichkeit des Tout Paris ist eine Schablone.“ François Bondy