Von Wolfgang Müller-Haeseler

Am Freitag dieser Woche werden sich am Boulevard des Invalides im vornehmen 7. Arrondissement von Paris die Aktionäre der Roussel-Uclaf S.A. versammeln, um aus einer Gruppe kleinerer Unternehmen einen modernen Industriekonzern zu schmieden. In dem kleinen Kreis der Aktionäre werden auch zwei prominente deutsche Industrielle sitzen: Professor Karl Winnacker, Aufsichtsratsvorsitzender des deutschen Chemiegiganten Farbwerke Hoechst AG, und Professor Fritz Lindner, bis vor kurzem langjähriger Chef der Pharmasparte des Frankfurter Unternehmens.

Neben ihnen wird Jean-Claude Roussel, der President Directeur General und indirekt Großaktionär der Roussel-Uclaf sitzen. Er und die Farbwerke Hoechst verfügen zusammen über 97 Prozent des Kapitals der Compagnie Financière Chimio, die als Holdinggesellschaft für die Roussel-Uclaf fungiert. Die restlichen drei Prozent teilen sich Freunde und Bekannte der Familie Roussel.

Am 24. April soll nun eine zweite Gesellschaft in den Geschäftsbereich von Jean-Claude Roussel und Hoechst einbezogen werden, die Social Centrale de Dynamite, die nur einige Autominuten vom Boulevard des Invalides entfernt am Stadtrand von Paris in Puteaux residiert. Sie verfügt über insgesamt vier Beteiligungen, von denen eine bereits indirekt in den Interessenbereich der Farbwerke Hoechst gehört, die Nobel-Bozel.

Bisher führten alle die Unternehmen trotz einer losen finanziellen Verflechtung das mehr oder minder beschauliche Dasein französischer Mittelbetriebe. An der Société Centrale de Dynamite war bisher lediglich die Hausbank von Roussel, die Credit Commercielle de France, mit einer Minderheit beteiligt. Die Ausnahme in diesem Kreis bildete die Roussel-Uclaf S.A., das Lieblingskind von Jean-Claude Roussel, der sich von anderen Beteiligungen trennte, um seinen Einfluß auf dieses Unternehmen bis über die Majorität hinaus auszubauen. Mit mehr als einer Milliarde Franc Umsatz und einer Zuwachsrate von rund 16 Prozent im vergangenen Jahr ist Roussel-Uclaf das größte und aktivste unter allen Unternehmen, die nun zu einem Konzern zusammengefaßt werden sollen.

Aber Geld ist knapp bei französischen Familienunternehmen. Wie also kann eine Fusion mit einem Unternehmen zustande kommen, an dem Roussel bisher noch keine Prozent Anteil besaß, ohne daß er dafür einen Pfennig ausgibt? Jean-Claude Roussel, einem der Stars am Nachkriegshimmel der französischen Wirtschaft, dessen Ehrenämter und Orden in seiner Biographie drei Seiten füllen, fiel dazu eine geniale Lösung ein.

Seine Compagnie Financiere Chimio bringt ihre mehr als fünfzigprozentige Beteiligung an Roussel-Uclaf in die Société Central de Dynamité als Sachanlage ein, die dafür ihr Kapital aufstockt und die neuen Aktien der Holding Chimio übereignet. Auf diese Weise wird die Chimio, an der Hoechst nach wie vor mit 43 Prozent beteiligt ist, mit 68,61 Prozent Mehrheitsaktionär der Dynamite.