Ein englischer Sportschriftsteller schrieb jüngst, daß Fußballspieler von Natur aus dazu ausersehen scheinen, stets die Opfer ihres Spieles zu sein, da sie ausnahmslos ausgenutzt und später als verbraucht ad acta gelegt würden. „Nur die Funktionäre bleiben ewig auf ihren Posten, ihre Arterien vom Alter verhärtet.“ Brian Glanville meinte mit dieser Bemerkung, daß die Reserve jener jungen Leute, die im Fußballspiel eine verhältnismäßig kurze Blüte erleben, gewöhnlich spurlos verschwindet, während der Bonze in sichtlicher Selbstgefälligkeit in seinem Tempel die eigene Wirkungszeit überdauert.

Sir Stanley Rom, der Präsident der FIFA und verantwortliche Organisator der bevorstehenden Weltmeisterschaften im Fußball, hat es stets vermieden, sich im Tempel beweihräuchern zu lassen, sondern es vorgezogen – um de Coubertins unrichtige Alternative zu zitieren –, auf dem Marktplatz für Ruhe, Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Dies wird auch in Mexiko City seine Hauptaufgabe sein.

Denn Fußball war die weltweite, überaus erfolgreiche Antwort des übersehenen Demos auf die arrogante Forderung der herrschenden Schichten, sich ihren eigenen engen Zirkel amatörichter Privilegien ziehen zu dürfen. Der kurze Kampf war schon vor hundert Jahren beendet. Seither ist der Fußball zu einer Weltmacht geworden, die ins Kalkül von Politik und Wirtschaft jeder Nation gestellt werden muß.

Die Fußball-Weltmeisterschaften sind keine fingierte Vorspiegelung falscher, ethischer Tatsachen wie die Olympischen Spiele. Sie sind eine harte und unerbittliche Börsenspekulation, die sehr realistisch, wenn nicht gar naturalistisch ausgekämpft wird. Um so größer ist die Verantwortung für eine sportliche Durchführung der Weltmeisterschaften, die auf Sir Stanley Rous ruht, der jetzt zehn Jahre lang die Geschäfte des wichtigsten und einflußreichsten Sportverbandes auf der Welt geleitet hat. Er wird demnächst 75 Jahre alt und wird sicherlich seine Geschäfte an einen jüngeren Nachfolger abgeben, sobald die Wochen in Mexiko vorübergegangen sind.

Sir Stanley hat sein Leben im Dienst des runden Balls verbracht. Er begann als Sportlehrer an der Watford Grammar School, eines der besten Gymnasien im Nordwesten Londors. Im Jahre 1934 wurde ihm die Ehre zuteil, das Pokalfinale in Wembley zu schiedsrichtern. Seither ist er in mehr als einer Hinsicht ein Schiedsrichter geblieben, ein Mensch also, der die Übersicht nicht verliert und das, was er mit den Augen sieht, auch durch seine Persönlichkeit souverän in Schach zu halten weiß. Damals, 1934, wurde er auch zum Generalsekretär der englischen „Football Association“ gewählt, der Nachfolger des verstorbenen Sir Frederick Wall, dem ersten Vertreter des „plebejischen“ Sports, der seiner Verdienste wegen in den Adelsstand erhoben wurde.

Sir Stanley Rous hat in diesen 35 Jahres eine führende Rolle in den revolutionären Veränderungen gespielt, die sich in Politik und Gesetzgebung der Fußballwelt abgespielt haben. Großbritannien hat den Fußball der Welt gescher.kt – vielleicht heute eine Danaer-Gabe! –, es war jedoch Sir Stanley, der in den letzten zwanzig Jahren den Weltfußball nach England gebracht hat, um seinen Landsleuten nach der historischen Niederlage gegen Ungarn die Augen über den wahren Standard des Spiels zu öffnen, wie er sich außerhalb des Inselreiches entwickelt und aus konservativer Insularität innerhalb des Landes zur Stagnation geführt hat.

Coaching, fürsorgliche Unterstützungsunternehmen, Berufsberatung und Berufsausbildung für Spieler, ein Austausch von englischen und ausländischen Schiedsrichtern sind nur ein Teil seines Beitrags für die Entwicklung des modernen Fußballs in Großbritannien gewesen. Seine Ansichten gelten für großzügig und fortschrittlich. „Die ganze Welt ist sein Spielfeld“ (The Times). Bevor er 1961 zum Präsidenten der FIFA (Föderation Internationale de Football Association) gewählt wurde – mit der überwältigenden Mehrheit von 51 zu 14 Stimmen–,war er auch Mitglied von Organisationskommissionen verschiedener Olympischer Spiele, so daß er sich damals bereits seine Sporen als umsichtiger Verwaltungsfunktionär im internationalen Sport erworben hätte. Seit seiner Wahl hat er seine Aufgaben umsichtig, konziliant und in durchaus zufriedener Weise durchgeführt. Der Posten eines FIFA-Präsidenten ist keine Sinekure. Kein internationaler Sportverband besitzt mehr Mitgliedstaaten als der Fußball, und wenn Sir Stanley präsidiert, fühlt man instinktiv, hier posiert kein alter Mann mit vorsintflutlichen Vorstellungen und hierarchischer Geistesverknöcherung, sondern der Vorsitzende der Vereinigten Nationen des Fußballs.