In einem bisher noch nicht gekannten Ausmaß hat sich der deutsche Sparer im vergangenen Jahr in festverzinslichen Wertpapieren engagiert. Die privaten Haushalte haben dem Kurswert nach 5,38 (1968: 3,11) Milliarden Mark für die Rentenanlage aufgebracht, das sind rund 30 Prozent der im vergangenen Jahr angebotenen Rentenwerte.

Aber alle jene, die 1969 Rentenwerte gekauft haben, sind inzwischen um einiges ärmer geworden. Die steigenden Zinsen haben die Kurse der umlaufenden festverzinslichen Wertpapiere gedrückt. In dem eingetretenen Ausmaß war diese Entwicklung nicht vorauszusehen. Den letzten Anstoß zu sinkenden Kursen gab der Entschluß der Bundesbank, den Diskont gleich um 1 1/2 Prozent zu erhöhen. Mit diesem Schritt hat der Zentralbankrat lange gezögert, weil er hoffte, daß die Bundesregierung von sich aus das Instrumentarium des Stabilitätsgesetzes anwenden würde. So, wie die Dinge jetzt liegen – und darüber ist man sich auch bei der Bundesbank im klaren –, werden wir zur Wiederherstellung der Preisstabilität um eine „kleine Rezession“ nicht herumkommen. Und der Bremsweg wird noch lang sein.

Nach der letzten Zentralbankratsitzung hat Bundesbankpräsident Klasen keinen Zweifel daran gelassen, daß gegenwärtig an eine Lockerung der restriktiven Politik nicht gedacht wird. Wir tun gut daran, meine verehrten Leser, uns bei der Anlage der Ersparnisse darauf einzustellen.

Das heißt in erster Linie: Vorsicht bei den Aktien! Die Steigerungen des Lebenshaltungskostenindexes und auch die der Industriepreise sollten nicht darüber hinwegtäuschen, daß es den meisten Unternehmen nicht gelingen wird, die auf allen Gebieten eingetretenen Kostenerhöhungen durch Preiskorrekturen auszugleichen. Wir werden in diesem Jahr vielfach mit rückläufigen Gewinnen je Aktie rechnen müssen. Das ermuntert nicht zum Aktienkauf.

Ermutigender ist dagegen die Situation am Rentenmarkt. Das Weltzinsniveau scheint inzwischen seinen Höhepunkt überschritten zu haben. Die Diskontsenkung in London mag als Indiz dafür gelten. Deshalb spricht nichts dafür, daß wir in der Bundesrepublik über den Nominalzinssatz von zur Zeit 8 Prozent hinauskommen. Die Renditen der deutschen Anleihen, die jetzt angeboten werden, gehen über 8,36 Prozent nicht hinaus. Wenn die Prognosen zutreffen, wonach wir in diesem Jahr mit einer Inflationsrate von annähernd 5 Prozent zu rechnen haben, und wenn man dann noch berücksichtigt, daß ein Teil der Rentensparer die Zinsen versteuern muß, dann wird deutlich, daß 8 Prozent Zinsen und mehr keineswegs überwältigend sind. Es wird in diesem Jahr viel Geschick dazu gehören, die Ersparnisse einigermaßen unversehrt über die Runden zu bringen.

Obwohl sich die Anlage in festverzinslichen Werten in diesen Monaten geradezu anbietet, zumal bei sinkenden Zinsen, wie sie gegen Jahresende immerhin als möglich erscheinen, Kursgewinne zu erwarten sind, ist der Absatz bei den deutschen Rentenfonds rapide zurückgegangen. Die neun Rentenfonds haben im März 1973 nur noch für 25 Millionen Mark Zertifikate absetzen können. Schon seit Januar ist der Absatz rückläufig, während auf der anderen Seite das Publikum für die neuen Achtprozenter durchaus aufgeschlossen ist.

Waren die Rentenfonds, die in kurzer Zeit Milliarden ansammeln konnten, nur Modeerscheinungen? Die Fonds selbst suchen angestrengt nach den Ursachen für ihre Absatzschrumpfung.