Neuerdings sagt der Barmenia-Angestellte R. Schulpe zum Barmenia-Direktor H. Meiter „Guten Tag, Herr Meiter“; und wenn dem Schulpe das in den vielen Jahren zuvor eingeübte „Herr Direktor“ dazwischenrutscht, dann erweist sich der Schulpe als ein „positiv psychologisch“ nicht beeinflußbarer als ein für die Barmenia-Demokratie noch nicht reifer Versicherungsangestellter. Denn das Versicherungsunternehmen Barmenia hat in der Anrede (in Wort und Schrift) den Unterschied zwischen den „kleinen“ und den „großen“ Angestellten aufgehoben.

Sie sind nun alle Herren, was freilich nicht heißt, daß der Sachbearbeiter auch ein Zimmer mit zwei Fenstern bekommt, wie es nur dem Abteilungsleiter zusteht, oder daß der Direktor nun seinen reservierten Parkplatz vom Wagen des Abteilungsleiters besetzt findet – auch bei der Barmenia bleiben die feinen Unterschiede die Würze der Demokratie.

So ist die Einführung der verbalen Barmenia-Demokratie zwar ein für deutsche Unternehmensverhältnisse, zumal in dieser Branche, unerhörtes Ereignis, doch als „Konsequenz aus der Demokratisierung und Versachlichung des Mitarbeiterverhältnisses“ ist die verbale Zauberei ein mageres Ergebnis. Vielleicht aber meint die Barmenia das Richtige, wenn sie sich von den neuen Umgangsformen „eine positive psychologische Wirkung auf alle Mitarbeiter“ verspricht – daß diese nämlich die Abschaffung der Titel als Aufforderung interpretieren, mit „Demokratisierung und Versachlichung“ wirklich zu beginnen. So gesehen wäre das dann immerhin ein kleiner Anfang. rod