Von Helmut Kentier

Lautloser Musikunterricht ist ebensowenig möglich wie bewegungsloser Sportunterricht. Was erzogen werden soll, muß geübt werden können – es muß in Erscheinung treten dürfen und organisierten Lernprozessen ausgesetzt werden. Man sollte meinen, das gelte auch für die Sexualerziehung. Nun ist aber die Schule die einzige Erziehungsinstitution, in der Sexualität offiziell und erlaubt nicht vorkommen darf – daher können sexuelle Einstellungen und Verhaltensweisen der Schüler auch keinen Lernprozessen unterworfen werden –, folglich ist Sexualerziehung in der Schule allenfalls als Propädeutik möglich.

Einer Erhebung, die der Hamburger Pädagoge Brüggemann in der Zeit von 1955 bis 1962 über sexuelle Konflikte in Gymnasien durchführte, verdanken wir einige Kenntnisse darüber, wie Lehrer und Direktoren auf sexuell getönte Verhaltensweisen ihrer Schüler in und außerhalb der Schule reagieren. Den Ergebnissen dieser Untersuchung kommt insofern eine über den Untersuchungszeitraum hinausreichende Bedeutung zu, als die gleiche Erhebung bereits einmal in den zwanziger Jahren von den Psychologen Hoffmann und Stern durchgeführt wurde – ein Ergebnisvergleich zeigt, daß sich die Schule während der letzten 40 Jahre in ihrer Einstellung zu sexuellen Phänomenen überhaupt nicht geändert hat.

Nicht pädagogische Überlegungen bestimmen die Reaktionen der Schule. Vielmehr herrscht die Überzeugung, daß „sexuelle Vorkommnisse“ einerseits die „Schulfamilie“ und die sie schützende Schulordnung, andererseits das Ansehen der Schule in der Öffentlichkeit dermaßen gefährden, daß sie mit schärfsten Repressalien geahndet werden müssen. Während sich im Jugendstrafrecht in den letzten Jahrzehnten immer mehr der Erziehungsgedanke durchgesetzt hat, herrscht in der Schule, wenn sie in sexuelle Konflikte verwickelt wird, nach wie vor ein schroffer Justizgedanke.

Wenigstens einige Beispiele aus den Schulberichten, die Brüggemann erhielt, sollen zeigen, wie streng und ohne jede pädagogische Überlegung die Schule vorgeht: „... beteiligt drei Schüler; Annahme, Abschreiben und Weitergabe eines pornographischen Schriftstückes in der Schule. Bestraft mit Entlassung aus der Schule“ – „Exhibitionistische Handlungen eines Jungen (Untertertia) während der Pause vor den Jungen. Nicht mehr tragbar für unsere Schule als Schule mit Koinstruktion, da Schamgefühl nicht mehr vorhanden.“ – „Drei bis vier Schüler – während des Unterrichts (vor allem bei Verdunklung und Filmvorführung) geschlechtliche Berührung. Zwei Schüler haben freiwillig die Schule verlassen.“ – „Sechs Schüler einer Quarta onanieren in Gruppen. Zwei Rädelsführer erhielten den, Rat, die Schule zu wechseln, der auch befolgt wurde, ein Rädelsführer erhielt zwei Stunden Arrest und eine besondere Verwarnung. Das Ziel, die onanierende Gruppe zu zerschlagen, wurde erreicht.“ – „Ein Schüler wird zum zweiten Male unehelicher Vater – Strafe: Entlassung – Jugendamt war beteiligt.“

Die Strafen haben – unabhängig davon, welches „Delikt“ sie treffen sollen – durchgehend eine einheitliche Tendenz: Der „sexuell problematische“ Schüler gilt als verwahrlost – er wird nicht nur moralisch disqualifiziert, sondern im allgemeinen auch als schwach begabt hingestellt, so daß das Gymnasium ihn guten Gewissens in einen praktischen Beruf und damit in die unteren Gesellschaftsschichten abschieben kann. Man wird Brüggemann zustimmen müssen, wenn er sagt:

„Es fällt auf, daß der in der Öffentlichkeit häufig zu Unrecht erhobene Vorwurf, die Gymnasien seien Standesschulen, im Hinblick auf die hier behandelten sexuellen Konflikte etwas Wesentliches trifft ... Die sexuellen Konflikte an Gymnasien, sind fast immer Konflikte mit der Sexualmoral einer bestimmten Gesellschaftsschicht. Die hier von den Schulen vertretene Moral ist nach den historischen und soziologischen Voraussetzungen eine bürgerliche Moral, strenggenommen die Sexualmoral der oberen Schichten des deutschen Bürgertums. Während aber die Jugend sich weitgehend von der bürgerlichen Sexualmoral direkt oder indirekt emanzipiert hat (und zwar ohne Rücksicht auf ihre eigene soziale Position), ist die Schule auf Grund der gesellschaftlichen Gegebenheiten nicht nur sachlich durch Gesetz und Recht, durch Dienstvorschrift und Schulordnung, sondern gerade auch personal durch die soziale Zugehörigkeit der Lehrer und Schulleiter zu eben dieser Schicht... der bürgerlichen Moral verpflichtet. Man kann geradezu sagen, die Schule wird im Falle eines sexuellen Konflikts zum vollziehenden Organ der bürgerlichen Moralordnung.“