Alsdorf

Der Vertrag zwischen dem Contergan-Herstellerwerk, der Chemie Grünenthal, und den Vertretern der Eltern geschädigter Kinder auf eine Schadenersatzleistung von 100 Millionen Mark soll jetzt in eine „größere Lösung“ für alle körperbehinderten Kinder umfunktioniert werden: Mit Hilfe einer „nationalen Stiftung“ glaubt man den Contergan-Kinder besser helfen zu können.

Nach monatelangen zähen, immer wieder unterbrochenen Verhandlungen zwischen den beiden Nebenklägervertretern, den Rechtsanwälten Schulte-Hillen und Schreiber und dem Grünenthal-Anwalt Dörr und Justitiar Wardensleben schien alles geregelt. Vom 26. Januar dieses Jahres an will die Chemie Grünenthal 100 Millionen Mark – zuzüglich Zinsen – für die rund 2000 noch lebenden Contergan-Kinder in der Bundesrepublik zahlen, wenn deren Eltern auf alle sonstigen Regreßansprüche gegenüber der Firma verzichten.

Eine Stiftung soll errichtet und in Zusammenarbeit von Elternvertretern und Medizinern – man denkt auch an Professor Lenz – ein „Katalog“ erarbeitet werden, um die Ansprüche für die sehr unterschiedlichen Schädigungen bei den einzelnen Kindern – so gut es überhaupt geht – festzulegen.

Manche Fragen waren noch offen: etwa die, ob ein Teil der zur Verfügung stehenden Summe in Form einer Kapitalabfindung – 5000 bis 30 000 Mark pro Kind –, der Rest, als monatliche Rente – im Durchschnitt etwa 300 Mark – ausgezahlt werden sollte.

Ehe die Einigung jedoch wirksam werden sollte, kam es im Bundesjustizministerium zu einem Gespräch über eine „große Lösung“ für alle behinderten Kinder in der Bundesrepublik. Zunächst schien es, als könnte diese Initiative auch eine Verbesserung für die Contergan-Kinder bringen. Eine hohe Summe wurde von den Regierungsvertretern genannt: 200 Millionen Mark. Inzwischen, so hört man, ist nur noch von 50 Millionen Mark die Rede, und es verstärkt sich der Eindruck, daß man im Schlepptau der Grünenthal-Millionen ein – sicher begrüßenswertes – Hilfswerk für alle körperbehinderten Kinder ins Leben rufen will, wozu lange genug Zeit gewesen wäre.

Es besteht zudem die Gefahr, daß der zwischen Grünenthal und den Elternvertretern abgeschlossene Vertrag wieder hinfällig werden könnte. Vorbedingung ist nämlich nach wie vor, daß alle Eltern eine entsprechende Abfindungserklärung unterschreiben. Ob sie das tun, wenn die Grünenthal-Millionen in einen – für sie – nebulosen Topf fließen, ist mehr als fraglich.

Die öffentliche Meinung dürfte hier zweifellos auf seiten der Contergan-Eltern stehen, Sie haben lange genug gewartet – mehr als neun Jahre –, haben sich vielerorts in bewundernswerten Selbsthilfeaktionen eigene Schulen und andere Einrichtungen geschaffen, weil die öffentliche Hand dazu nicht in der Lage war. Wenn Bonn die Lage der Contergan-Kinder – über den Grünenthal-Vertrag hinaus – nicht wesentlich verbessern kann, sollte es lieber die Finger davon lassen. F. R.