ARD und ZDF, Freitag, 17. April: Rückkehr von Apollo 13

Sehr sanft glitten die Schirme aufs Meer zu, sanft und rosarot, die Hubschrauber, Navy 66 wie immer voran, wirkten wie altertümliche Seevögel, blaues Wasser zerteilte sich vor den Froschmännerarmen in schäumende Gischt, man schwebte und dümpelte, huschte und glitt, tänzerisch und elegant war das Bewegungsspiel, ja fast schien es, als sei dies alles gar nicht Wirklichkeit, sondern als würde auf einer Märchenbühne die Ankunft des Prinzen geprobt.

Da war ein Treppchen, da waren drei ernst und freundlich blickende Männer, da spielte ein Geisterorchester, das man nicht sah, ein Stück in den Wind, den Aquarius-Song aus dem Musical „Hair“ (wenn er es war), da sprach ein weißgekleideter Herr ein Gebet und dankte Gott für die Rettung der Männer aus Not und Gefahr und für ihre glückliche Heimkehr zur Erde. Sehr friedlich nahm sich das aus, ein bißchen operettenhaft und stimmungsvoll untermalt von den nach Weimar und Caux klingenden Sätzen der Fernsehreporter: Und setzet ihr nicht das Leben ein; die Welt ist eine Familie geworden in diesen Tagen.

Zuerst die Ortsangaben, die Prozente und Zahlen, Begriffe aus dem Raum der Datenverarbeitung und Begriffe aus dem Raum der Physik, zuerst die Messungsergebnisse und danach das Zeremoniell mit Jesus und Jazz, zuerst die Formeln der Technik, we have ignition, und dann die Formeln der Etikette (mit parodistischem Einschlag) – aber vom Eigentlichen, der Grenzsituation, keine Rede. Wir haben da ein Problem ... war das alles? Was dachte Swigert, als er allein in der Dunkelheit lag, ein Mensch mit einer Taschenlampe in der Hand, der sich seine Lebenschancen ausrechnen konnte?

Dachte er überhaupt? Wenigstens an die Kälte um ihn herum? An die Leute in Houston, deren Signale er hörte? Stellte er sich vor, wie sie da saßen vor ihren Tischen und an ihn dachten? Erinnerte er sich? An Lindbergh? An Blériot? Waren die Minuten einsam? Ist der Tod über dem Ärmelkanal oder dem Atlantik freundlicher als in der Nähe des Monds?

Eine Stunde weniger über Geräteteil, Tunnel und Zündung, statt dessen eine Lesung des Brechtschen „Ozeanflugs“ (ganz Amerika glaubt, daß es glücken wird) ... und der technische Vorgang hätte den Charakter eines menschlichen Schauspiels erhalten. Entwicklungen wären sichtbar, Rückschritt deutlich, Konstanten erkennbar geworden. Phantasievoll gesprochen, hätte der Fernseh-Report die Analyse des Radio-Lehrstücks von 1929 fortsetzen können. „Es ist eine Schlacht gegen das Primitive“, heißt es im „Ozeanflug“, „und eine Anstrengung zur Verbesserung des Planeten.“

Der Satz wäre zu prüfen gewesen.

Momos