Großes Aufsehen haben in den letzten Tagen Nachrichten über Massaker an in Kambodscha lebendei Vietnamesen ausgelöst. Hunderte von Leichen, die den Mekong hinabtrieben, waren der grausige Beweis für die Terrorwelle, denen zur Zeit die 6000 in Kambodscha lebenden Vietnamesen ausgesetzt sind. Bei den drei bisher bekanntgewordenen Massenexekutionen sollen mehr als 1000 vietnamesische Zivilisten von kambodschanischen Soldaten erschossen worden sein.

Die Hinrichtungswelle hat unter der vietnamesischen Bevölkerung Kambodschas eine Panik ausgelöst. Die japanische Botschaft in Pnom Penh, die die Interessen Südvietnams vertritt, wurde mit Anträgen auf Ausreisevisa überschwemmt. Der südvietnamesische Staats- – Präsident Thieu hat bereits erklärt, den Vietnamesen werde die sofortige Repatriierung gestattet.

In einer Erklärung gab die kambodschanische Regierung vor, sie wisse nichts von den Massenmorden. Sie habe lediglich „Sicherheitsmaßnahmen“ gegen die Vietcong und Nordvietnamesen ergriffen, die in das Land eingedrungen seien. Die nordvietnamesische Regierung beschuldigte dagegen Pnom Penh, einen Terror von ungeheurem Ausmaß gegen vietnamesische Zivilisten ausgelöst zu haben, und rief alle in Kambodscha lebenden Vietnamesen auf, „ihr Leben und ihr Eigentum entschlossen zu verteidigen und allen Terrorakten und Plünderungen seitens der regierenden Clique Widerstand zu leisten.“

Über die militärische Lage in Kambodscha herrscht nach wie vor Unklarheit. Vietcong-Einheiten sollen inzwischen die nur 30 Kilometer südlich von Pnom Penh liegende Stadt Saang überrannt haben. Nach Angaben eines kambodschanischen Offiziers konnten die rund 100 Vietcong-Soldaten den Ort ohne nennenswerten Widerstand einnehmen, da die kambodschanischen Truppen die Anweisung gehabt hätten, sich aus „politischen Gründen“ kampflos zurückzuziehen.