Mit der neuen Verminderung der amerikanischen Truppen in Vietnam um 150 000 Soldaten in den kommenden zwölf Monaten hat Präsident Nixon in einem politischen Meisterstreich vier Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Erstens nimmt sich der Umfang dieser Reduzierung optisch gegenüber den vorangegangenen Abzügen so gewichtig aus, daß an der Absicht Nixons zu einer Vietnamisierung des Krieges nicht mehr gezweifelt werden kann; für die Kongreß wählen und auf weite Sicht auch für die Präsidentenwahl von 1972 wird das von Gewicht sein. Zweitens wird das Tempo des amerikanischen Rückzuges keineswegs beschleunigt, und daher keine militärische Krisenlage heraufbeschworen; es bleibt bei dem Monatsdurchschnitt der Reduzierung von rund 12 000 Mann wie in den vorangegangenen drei Phasen der Absetzbewegung.

Damit aber gewinnt Nixon, drittens, freie Hand, die jeweilige Heimkehr von GIs den Erfordernissen in Südvietnam, Laos und Kambodscha anzupassen. Viertens schließlich ist die neue Tranche eine diplomatische Vorleistung gegenüber der stagnierenden Pariser Friedenskonferenz, in der die Kommunisten die Ernsthaftigkeit des militärischen Disengagements der Amerikaner nicht mehr in Abrede stellen können – und es ist eine diplomatische Ouvertüre für die Einberufung einer großen Indochina-Konferenz.

An ihr bekundet Nixon aktives Interesse, und daher hat er die Sowjetunion um Präzisierung der Andeutungen des UN-Botschafters Malik über die Möglichkeiten zu einer solchen Zusammenkunft aufgefordert. Eine Indochina-Konferenz würde die Verstrickung Amerikas in Laos und Kambodscha politisch auflösen können, ehe sich diese Länder in militärischen Treibsand verwandeln. Joachim Schwelien