Mit gekreuzten Beinen sitzt ein Häftling auf seiner Gefängnispritsche und lehnt – genüßlich grinsend – an einer blumentapezierten Zellenwand. Chirurgen operieren fröhlich, Richter judizieren ausgelassen – dank lustiger Pop-Tapeten.

Mit Motiven wie diesem werben Deutschlands Tapeten-Fabrikanten gegenwärtig in führenden Bildblättern von „Stern“ bis „Schöner wohnen“ um Kunden. Joachim Kellner, Marketing-Experte der Frankfurter Werbeagentur Young & Rubicam, die den 3,2 Millionen großen Etat der Deutschen Tapeten-Gemeinschaftswerbung verwaltet: „Wir stellten die Tapete in ein Feld, wo sie nicht erwartet wird, um den Leuten kahle Wände ins Bewußtsein zu bringen.“

Den Entschluß, die Wände kahl zu lassen, erleichterte vielen Deutschen eine Reihe gefährlicher Konkurrenten der heimischen Wandverkleidung, die strenggenommen sogar zur selben Branche zählen: die Produzenten von Rauhfaser-Tapeten. Allzu leicht erlagen viele Wohnungsbesitzer nach Ansicht der Hersteller gemusterter Tapeten dem Reiz, ihre Wände mit Rauhfaser-Ware zu tapezieren und nach Bedarf alle paar Jahre zu überpinseln. Der Rauhfaser-Umsatz stieg in den letzten Jahren stetig und erreichte 1969 immerhin knapp 100 Millionen Mark, während die Produzenten üblicher Tapeten für rund 500 Millionen Mark Wandschmuck verkauften.

Doch die 39 deutschen Tapetenfabriken wollen in den 20 Millionen Wohnungen mit 86 Millionen Räumen bald wieder stärker zum Zuge kommen. Rauhen Zeiten suchen sie durch modische Designs in kräftigen Farben bis zu Pop-Mustern zu entkommen. Dem Wunsch nach Pflege – mit Leichtigkeit folgend, bieten sie immer häufiger abwaschbare Ware an. Clevere Hersteller entwickeln gemeinsam mit Dekorstoff-Webern Tapeten und Fensterdekorationen in ein und demselben Muster.

Absatzreserven wittern die deutschen Zimmerausstatter vor allem in Industriebauten, in öffentlichen Gebäuden, wo heute noch vielfach ein billiger Ölanstrich individuelles Wanddekor ersetzt. Tapetenwerber Kellner vertraut noch auf eine andere Nachfragequelle: „Durch die Altbau-Sanierung in vielen Städten entsteht ein ganz erheblicher Bedarf.“

Moderne Wohnkultur ließ noch an einer anderen Stelle gemusterte Wände als begehrenswert erscheinen: in der Küche und im Badezimmer. Konsum-Interpret Joachim Kellner: „Die Tapete wird immer mehr ein Mittel der Persönlichkeitssteigerung.“

Um unter deutschen Tapetenmuffeln gesteigertes Persönlichkeitsgefühl wachzurufen, scheuten sich die Frankfurter Agenturwerber nicht einmal, höchste politische Autorität in Anspruch zu nehmen. Auf ganzseitigen Farbanzeigen ließen sie von einer pop-gemusterten Gerichtssaalwand Bundespräsident Heinemann aus dem Bilderrahmen herabblicken. Slogan: Jeder hat ein Recht auf seine Tapete. Doch das Staatsoberhaupt reagierte sauer. Er wünsche nicht, für Werbezwecke mißbraucht zu werden, ließ der verärgerte Präsident die Fabrikanten wissen. Eg