Von Marianne Kesting

Peter Handke ist nicht nur einer der beliebtesten, er ist auch einer der fleißigsten unter den jungen deutschen Autoren. Jedenfalls publiziert er pro Saison ein Buch, ein Theaterstück oder auch den Plan zu einem Theaterstück, zumindest publiziert er Zeitungsausschnitte, die er persönlich ausgesucht hat – kurzum, er hält seine Bewunderer und die Neugierigen in Atem. Zu Recht ist man nicht wenig gespannt, was Handke, dem Einfallsreichen, wieder eingefallen ist, wenn sein Verlag riskiert, gleich eine Auflage von 25 000 Stück von seinem neuen Roman

Peter Handke: „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 125 S., 10,– DM

drucken zu lassen. Es handelt sich um eine Kriminalgeschichte, bei der natürlich der Mord oder dessen Enthüllung die geringste Rolle spielt. Mehr geht es um die Angst des Täters, und da dieser ein ehemaliger Fußballtormann ist, wird sie mit der des Tormannes beim Elfmeter verglichen.

Die umfunktionierte Kriminalgeschichte gehört zu den häufigen Sujets innerhalb der modernen Literatur. Meist geht es um die Psychologie des Täters, in der sich ein neues Verhältnis zur Realität manifestiert, so etwa bei Robbe-Grillet. Bei Robert Pinget und Michel Butor symbolisiert der Kriminalfall die Realitäts-Recherche überhaupt, die Unmöglichkeit, ein Ereignis, das sich in den Perspektiven der verschiedenen Figuren immer anders spiegelt, wirklich zu ermitteln.

Dabei ist besonders auffällig, daß das Verbrechen – meist ist es ein Mord – wie nebenbei geschieht, so, als würden dem Täter von einer fremden Macht die Hände gelenkt. Camus wurde mit der Schilderung des „acte gratuit“ eines solchen Mordes in seiner Erzählung „Der Fremde“ berühmt, obgleich sich schon in der Literatur der Jahrhundertwende, speziell im Drama Strindbergs und Maeterlincks, Beispiele für eine solche Tat anführen ließen. „Was ist das“, schrieb schon Büchner, „was in uns hurt, lügt, mordet, stiehlt?“ Dem Täter fehlt durchweg das Motiv zum Mord, weshalb Camus seine Tat „absurd“ nannte. Eine Folge dieser fehlenden Motivation ist, daß sich der Täter für seine Tat nicht verantwortlich fühlt, sie geschieht wie von selbst.

Am Beispiel einer extremen menschlichen Handlung zeigt der Autor den extremen Fall einer Ich-Entfremdung, eines schizoiden Auseinanderbrechens von Person und Rolle, von Tat und Bewußtsein. Die Tat geschieht wie außerhalb der Person.