Von Roll Zundel

Bonn, im April

Seit Barzel und Strauß auf dem Münchner CSU-Parteitag einander mit so ausgesuchtem Wohlwollen begegnet sind, treibt die Spekulation üppige Blüten. Barzel, so hieß es, habe sich auf die härtere Tonart von Strauß eingestimmt, um die Unterstützung der CSU für seine Kanzlerkandidatur zu erhalten. Die Vermutungen über diese "Wahlkapitulation" gingen so weit, daß sogar schon die Posten einer neuen, von der CDU/CSU geführten Regierung verteilt wurden: Kanzler Barzel, Vizekanzler und Außenminister Strauß.

In der Umgebung von Barzel reagiert man auf solche Spekulationen eher erschrocken als befriedigt. Zwischen Strauß und Barzel, so wird versichert, gebe es keinerlei personelle Absprachen. Tatsache sei, die Zusammenarbeit zwischen dem Fraktionsvorsitzenden und dem CSU-Chef in Bonn lasse sich jetzt gut an, richtig sei auch, daß die Auseinandersetzung mit der Regierung härter geworden sei; aber diese Entwicklung habe schon vor dem CSU-Parteitag begonnen. Im übrigen aber sei die Frage, wer Kanzlerkandidat der Union sein soll, noch gar nicht akut. Barzel sehe seine Aufgabe darin, als Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion der Union zu dienen.

Die Spekulationen haben dennoch einen richtigen Kern: jeder Kanzlerkandidat der Union brauchte bisher die Stimmen der CSU. Weder Erhard noch Kiesinger wären ohne bayerische Schützenhilfe Kanzler geworden; auch ein künftiger Kanzlerkandidat der Union könnte des bayerischen Zuspruchs kaum entraten. Außerdem hat Strauß gegenwärtig und wohl auf absehbare Zeit keine Chancen, als Führer der Gesamt-Union anerkannt zu werden. Vielen Christlichen Demokraten ist er noch immer nicht ganz geheuer, und sie zweifeln, ob der Bayer außerhalb des konservativen Lagers als Stimmenfänger erfolgreich wäre.

Die Konservativen aber zu gewinnen ist das kleinste Problem der Union. Wenn die Union Erfolg haben will, muß sie sich vor allem um jene Mittelgruppen bemühen, bei denen der SPD bei den letzten Bundestagswahlen der entscheidende Einbruch gelungen ist. Diese Situation – und insofern hat sich für den CSU-Vorsitzenden wenig geändert – ermöglicht Strauß zwar, den Königmacher zu spielen, aber sie verwehrt es ihm, selber König zu werden.

Ein CDU-Abgeordneter charakterisierte das Verhältnis von Barzel und Strauß so: "Wenn sich Strauß schon für einen Kanzlerkandidaten entscheiden müßte, dann noch am ehesten für Barzel." Aber diese Entscheidung steht noch nicht an, die Union läßt sich damit Zeit. Strauß hat keinen Anlaß, das Faustpfand seiner Zustimmung vorzeitig aus der Hand zu geben, und auch Barzel macht keine Anstalten, die Entscheidung zu forcieren. Ihm steckt noch die Erfahrung vom Herbst 1966 in den Knochen, als er bei der Abstimmung über die Kanzlerkandidatur weit hinter Kiesinger und Schröder rangierte. Er weiß genau, daß Frühstarter im Wettlauf um diese Kandidatur selten als erste das Ziel erreichen. So ist es verständlich, daß er sich an sein Amt hält und vermeidet, als Kandidat für eine Kandidatur verschlissen zu werden.