Von Wolf Donner

In den Abendvorstellungen, nach einem langen, müden, ereignislosen Tag auf der Leinwand, befreit sich das Publikum auf seine Art von den angestauten Frustrationen. Es wird munter gejodelt und gepfiffen, „Ausziehen!“ und „Scheiße!“ gebrüllt, ein Chor von Tierstimmen mischt sich in Tuten, Klingeln und Kuhglocken, und von der Galerie schmettert jemand eine Arie in den Saal. Sechs Tage lang dreiundfünfzig Stunden Wettbewerbsprogramm und achtundzwanzig Stunden Retrospektive – wie die meisten Besucher vom schlechten Essen in der Oberhausener Stadthalle, so ist das Festival von schlechten, überflüssigen Filmen verstopft. Der falsche Ehrgeiz, mit dreiunddreißig Ländern aufwarten zu können, läßt auch die wenigen guten Filme in der allgemeinen Lethargie und Verärgerung untergehen.

Zudem war das Publikum in diesem Jahr bis auf jene sterilen Reaktionen so brav und lahm, daß man glaubte, einer Bezirkssportler- oder Beamten Versammlung beizuwohnen. Die Hamburger Coop hat recht behalten: Durch die zeitlich vom Festival isolierte deutsche Vorauswahl blieben die meisten Jungfilmer dem Hauptereignis fern, und so fehlte das wichtigste Ferment im Publikum.

„Arbeitstagung“ sollten die Westdeutschen Kurzfilmtage (12. bis 18. April) in diesem Jahr heißen, doch diese Progressivität blieb verbal. Einmal sprach doch jeder vom „Festival“, zum anderen erstickte die Monsterschau von Banalitäten und Belanglosigkeiten ganzer Länderstaffeln sowie die Übermüdung der Teilnehmer jede Diskussion, kam es aus Zeitknappheit nicht einmal zu der dringend notwendigen Auseinandersetzung mit den einzelnen Regisseuren über ihre Filme. Vom Mythos Oberhausens, ein Ort der Begegnung und des Gesprächs zu sein, war nicht viel zu spüren.

Das Hauptübel ist der Auswahlmodus der ausländischen Beiträge. Sie werden von einem Mitglied der Festspielleitung, einem deutschen und einem Kritiker des betreffenden Landes zusammengestellt – eine Unmöglichkeit angesichts des aufgeblähten Auswahlverfahrens der deutschen Filme. Es ist klar, daß hier allein der Zufall regiert, die Art der Kontakte zu einem Land, die Kompetenz und Individualität der Dreierkommissionen.

In Österreich und in der Schweiz werden im nächsten Jahr die dortigen Filmmacher an der Zusammenstellung ihres Programms mitwirken. Viele Besucher meinen, es werde Oberhausen aufwerten, wenn die demokratisierte Auswahl auch auf andere Länder ausgedehnt wird. Denn immer wieder wird hier der Anspruch wie die Erwartung laut, umfassend informiert zu werden und einen für die Kurzfilmproduktion eines Landes wirklich repräsentativen Querschnitt zu sehen. Daß auch die Information über schlechte Länderprogramme vorteilhaft sein soll, ist jedoch nicht recht einzusehen.

Ein Festival und seine Widersprüche. Die Preise, die eine von der Festspielleitung ernannte internationale Jury zu vergeben hat (in diesem Jahr dreimal fünftausend, fünfmal zweitausend, zweimal eintausendfünfhundert und einmal eintausend Mark), wurden diesmal „Förderungsprämien“ genannt. Wieder nur ein von Hilmar Hoffmann doch ausdrücklich abgelehntes „deklamatorisches Bekenntnis“ ohne innere Konsequenz? Die Erneuerung spaltete die Jury in zwei Lager, veranlaßte sie, ihre Schwierigkeiten ins Plenum zu tragen, und so kam es doch noch zum Eklat. Viele waren dankbar, daß endlich etwas passierte.