Jedermanns Ware

Es ist so gut wie unbemerkt geschehen, peu à peu: Im selben Maße, in dem Reisen, auch die weiten, teuren Reisen an Exklusivität verloren und die kurzen Reisen übers Wochenende und „so zwischendurch“, zu denen man sich schnell entschließt, zugenommen haben, sind den Reiseführern erst neue Gewänder geschneidert worden, weniger kostbare, und dann ist ein neuer Typ von Reiseführer entstanden: der Reiseführer für flüchtige Touristen, der dünne, handliche, der billige Reiseführer. Oder treffender: der preiswerte Reiseführer; etliche von den billigen gehören unbestritten zu den guten. Zum Beispiel: Polyglott.

Fünf Mark halten die Verleger gerade noch für zumutbar, weniger ist noch besser; und weniger kosten nun auch die ersten acht Bände einer neuen Reiseführer-Serie –

Bertelsmann Reiseführer. Alle 128 Seiten; mit Strichzeichnungen, einer Übersichtskarte, mehreren Tourenskizzen, Stadtplänen. Je 4,80 Mark. Grüne Reihe: Kärnten/Steiermark/Burgenland – Salzburg/Salzkammergut – Südtirol/Oberitalienische Seen – Italienische Adria – Südspanien.

Blaue Reihe: Dänemark–Rumänien. Rote Reihe: Venedig.

Diese neuen Reiseführer, geschrumpfte, wenn man sie an den „Blauen Führern“ oder am „Nagel“ mißt, sind in dem (ängstlichen?) Bemühen „gemacht“, dem Reisenden, vorzugsweise dem Reisenden im Auto zu gefallen, die Antworten auf Fragen vorwegzunehmen, die er stellen könnte (und tausendmal gestellt hat), ihm nur das zu sagen, was er wissen möchte (nicht: was er – nach Meinung des Autors – wissen muß!). Es sind sehr praktische, keine belehrenden, sondern informative Führer. Sie sind nüchtern. Die Berge stehen ohne Adjektiv („majestätisch“), dafür mit Höhenangabe. Dänemarks Geschichte, zum Beispiel, von den Hünengräbern zur EFTA, ist 450 Wörter lang – damit ebenso lang wie die Zollinformation; und das – konsequent! – zu Recht: der Mehrheit der Reisenden sind die 200 Zigaretten und die Dreiviertel-Liter-Flasche Schnaps, die zollfrei eingeführt werden können, näher und wichtiger als König Harald Blauzahn (940 – 985 n. Chr.).

Seine Kritiker hat der neue Typ von Reiseführer vom ersten Tag an gehabt, ihre Kritiker wird auch diese Reihe finden (es wird schon da oder dort ein Accent falsch sein). Die Technik kann kritisiert werden, aber es ist falsch und es ist Duselei zu jammern und zu barmen, weil Verlage aus Reiseführern – Gebrauchsgegenstände gemacht haben. M-te