Von Sepp Binder

München, im April

Es lag wohl am Schwabinger Klima. Die Stimmung war freundlich und beinahe herzlich. Trugen in letzter Zeit Journalisten und Politiker so manche Fehde aus, nur weil sie sich mißverstanden glaubten – in der Katholischen Akademie Bayerns schien das Einverständnis mindestens anfangs fast vollkommen.

Die geistige Aufrüstungsstätte für Klerus und Laien hatte mit einem kontroversen Thema zu zweitägigen profanen Exerzitien geladen. „Journalist oder Agitator?“ – so lautete die Fragestellung. Franz Henrich, Akademieleiter und Arbeiter im Weinberg der Politik, hatte Journalisten, Politiker und Zeitungswissenschaftler zu Referaten und Diskussionen gebeten. Die politischen Standorte lagen oft weit voneinander entfernt: Franz Josef Strauß und SPD-Bundesgeschäftsführer Hans-Jürgen Wischnewski, Otto B. Roegele, Herausgeber des Rheinischen Merkur, und der stellvertretende Regierungssprecher Freiherr von Wechmar, Günter Wallraff von konkret, stem-Redakteur Erich Kuby, Winfried Martini und der Leiter des ZDF-Magazins, Gerhard Löwenthal – in dieser bunten Schar, so stellte sich sehr schnell heraus, fehlte bei den Journalisten das liberale Gegengewicht. Es mangelte der Tagung an einem Mann der Mitte, der Toleranz und der differenzierenden Denkungsart.

Denn die rund 650 Teilnehmer aus Industrie und Universität, Kirche und öffentlichem Dienst brachten recht unterschiedliche Auffassungen über die Rolle von Massenmedien und Meinungsmachern in Staat und Gesellschaft mit: Vom „süßen Gift des Zeitungslesens“ war viel die Rede und von „journalistischen Tötungstechniken“; Zeitungsprofessor Roegele verspürte ein „vages Gefühl der Ohnmacht“ gegenüber dem Fernsehen: „So nahe ist uns bisher kein Medium auf den Leib gerückt.“

So wurde schließlich der Bildschirm zum Teufelsspuk in der Wohnstube. Man klatschte beifällig, als ein älterer Herr nach dem sittlichen Niveau der zügellosen Presse fragte, die heutzutage über alles berichten dürfe: „Die Massenmedien haben einen Damm gegen die Verwilderung der Sitten zu errichten.“ Nichts anderes, so meinte er, sei ihre Aufgabe.

Professor Roegele stellte fest, daß die Kommunikationsmittel von der „öffentlichen Gewalt zur öffentlichen Sorge“ geworden seien. Und Winfried Martini, der publizistisch weit rechts steht, sprang ihm schnell bei und erzählte, daß er schon seit langem „ein Kuschen des Staates vor den Massenmedien“ bemerke.