Von Marcel Reich-Ranicki

Wann darf oder soll der Kritiker einen Autor verreißen? Fortwährend erscheinen miserable literarische Arbeiten. Wann lohnt es sich, in aller Öffentlichkeit zu erklären, warum man glaubt, daß ein bestimmtes Buch, das man für schlecht hält, schlecht sei? Was immer ein Kritiker gegen ein solches Buch sagt, er hat es doch wohl nicht zufällig aus einer Fülle ähnlicher ausgewählt; die anderen ignoriert er, auf dieses lenkt er, ob er es will oder nicht, die Aufmerksamkeit des Publikums. In welchen Fällen ist er dazu berechtigt oder sogar verpflichtet? Verrisse – wozu eigentlich und für wen?

Die Beantwortung derartiger Fragen hängt vor allem von den Ansprüchen ab, die man an die Kritik überhaupt stellt. Und diese Ansprüche wiederum haben fast immer mit den Erwartungen zu tun, die man an die Literatur knüpft. Was auf den ersten Blick ein eher praktisches Problem im Alltag der Redakteure und Rezensenten scheint, rührt bei näherer Betrachtung unversehens an Fundamentales.

Wer sich über die Arbeit anderer öffentlich äußert und nicht alles schön und gut findet, bereitet manchen Schadenfreude, setzt sich aber sofort dem Verdacht aus, er sei ein hämischer Kerl. Kritik, welchem Bereich das Leben sie auch gelten mag, ruft mit dem Zweifel an ihrer Berechtigung zugleich die Frage hervor, was denn den Kritisierenden, gerade ihn, befuge, über die Leistungen anderer zu urteilen.

Daß die erste Reaktion auf die Kritik in der Regel defensiv ist, scheint indes keineswegs verwunderlich; und diese Reaktion ist nicht bloß für einzelne Länder charakteristisch oder nur für bestimmte Epochen. Überall, also auch dort, wo man die Bedeutung der Kritik voll anerkennt und in ihr ein entscheidendes Element jeglichen geistigen Lebens sieht, begegnet man ihr mit einiger Empfindlichkeit, mit einem mehr oder weniger getarnten Unbehagen, nirgends ist das Verhältnis zu jenen, die kritisieren oder gar aus dem Kritisieren einen Beruf gemacht haben, frei von Ressentiments und Mißtrauen. „Genau wie es den reichsten Kandidaten jeden Heller kostet, den er wert ist, wenn er ein wahrer Bettler werden will, so wird es einen Menschen alle guten Eigenschaften seines Geistes kosten, ehe er beginnen kann, ein wahrer Kritiker zu werden; allerdings würde man das vielleicht auch bei einem geringeren Preis für einen nicht lohnenden Kauf halten“ – meinte um 1700 Jonathan Swift.

Aber so gewiß Empfindlichkeit und Mißtrauen gegen Kritik allgemeine und internationale Erscheinungen sind, so gewiß ist das Verhältnis der Deutschen zur Kritik von besonderer Art. Diese Frage, über die Historiker und Soziologen, Philosophen und Psychologen schon viel geschrieben haben, gehört offenbar zu jenen heiklen Themen, die ihre Aktualität und Dringlichkeit, wie immer die geschichtliche Entwicklung hierzulande verlief und verläuft, fatalerweise nicht einbüßen wollen.

Es liegt auf der Hand, daß der Untertanenstaat die Kritik, in welcher Form auch immer, als etwas Überflüssiges und Lästiges empfand, daß er sie bekämpfte und womöglich ganz zu verhindern suchte und daher die Kritisierenden zu verketzern bemüht war: Wo man Unterordnung und Ergebenheit fordert und den Gehorsam und die Gefolgschaft verherrlicht, wird das selbständige Denken sogleich zum Ärgernis; wo Befehle gelten sollen, muß sich die Kritik als gefährlicher Störfaktor erweisen. Mit anderen Worten: Freiheit und Kritik bedingen sich gegenseitig. Wie es also keine Freiheit ohne Kritik geben kann, so kann auch die Kritik nicht ohne die Freiheit existieren.