Ulm

Die jungen Schwaben wollen, nicht mehr länger „dumm wie die Deutschen“ sein. Das haben die Ulmer Gymnasiasten am letzten Freitag bei ihrem Demonstrationsmarsch durch die Münsterstadt auf einem Flugblatt proklamiert. Deshalb gingen sie auf die Straßen, über 5000 in Stuttgart, über 3000 in Mannheim, über 2000 in Karlsruhe, über 3000 in Reutlingen, über jeweils 1500 in Heilbronn, in Ravensburg und in Freiburg. Die Obersekundaner und die Primaner in über vierzig Städten Baden-Württembergs streikten für ihre Zukunft. In Demonstrationszügen, durch Informationsstände, in Arbeitsgruppen und durch teach-ins dokumentierten sie: Wer das Abitur bestanden hat, soll auch studieren dürfen. Auf Transparent-Schwäbisch: „Wir wolle ja schaffe, wir dürfe ja net.“

Was die Sechzehn- bis Neunzehnjährigen zwischen Bodensee und Main in den drei Tagen ihres Schulstreiks bewegt hat, verrieten ihre Spruchbänder „Numerus clausus weg, Studienplätze her“ – „Für Rüstung sind die fix, für Bildung tun sie nix“ – „Kauft noch 200 Starfighter, und wir verdummen endgültig“ – „Bücher statt Kanonen“ – „Wir lassen uns nicht lenken, wir wollen selber denken.“

So konnte man es in Heilbronn lesen, so konnte man es in Mannheim hören. Ganz ungelenkt waren die Aktionen nicht. Immerhin hatten die Jungsozialisten auch mit der Tellerspende von rund 600 Mark des Heilbronner SPD-Parteitages am Wochenende zuvor ein Informationsseminar für die Schülersprecher in Tübingen organisiert und den Schülern das agitatorische Rüstzeug vermittelt. Und die Jungdemokraten hatten sich sogar als „Speerspitze“ für einen „Generalstreik“ der Schüler empfohlen.

Es blieb jedoch bei einigen akustischen Spitzen, hauptsächlich gegen den CDU-Professor auf dem Sessel des Kultusministeriums, den Theologen Wilhelm Hahn. Am liebsten hätten sie ihn verbraten: „Heute bleibt die Schule kalt, der Hahn muß in den Wienerwald“ – das gab Beifall auf allen Marktplätzen, in allen kirchlichen Gemeindesälen und Turnhallen, wo sich die gymnasialen Protestler stundenlang die Köpfe über Zahlen und Notmaßnahmen zur Beseitigung der Zulassungsbeschränkungen an den Universitäten zerbrachen.

Ausgepfiffen dagegen wurden die roten Fahnenträger, die in Mannheim und Heilbronn die Schülerdemonstrationen in Revoluzzer-Märsche umfunktionieren wollten. In Mannheim wurde die erste Fahne zerstört und die anderen dann eingerollt. In Heilbronn ließen sie die Radikalinskis einfach links stehen. Und in Stuttgart wurde Martin Lischik, der Vorsitzende der sozialistischen Basisgruppen von seinen „lieben Genossen“ vom Rathausbalkon hinuntergebuht. Sogar der Kultusminister ließ sich überraschen: Noch nie gab es in Baden-Württemberg einen Streik mit so vielen Demonstranten und so wenig Scherben.

Der einzige, der daran Schaden nahm, ist Kultusminister Hahn. Hatte doch der Schulpräzeptor Schwabens noch einen Tag vor Streikbeginn öffentlich und in einem Brief an die Eltern allen mit Strafen bis zu 500 Mark oder vorübergehendem Ausschluß vom Unterricht gedroht, die statt Cicero oder Oscar Wilde den baden-württembergischen Hochschulgesamtplan ins Deutsche übersetzen wollten.