Das Hearing über Leussinks Thesen zum Hochschulrahmengesetz ist abgeschlossen. Statt der vorgesehenen drei Gesprächsrunden im Bundestagsausschuß für Bildung und Wissenschaft reichten am Ende fünf Sitzungen nur knapp aus, um die Vertreter der eingeladenen Interessengruppen zu jeder einzelnen der vierzehn Thesen zu Wort kommen zu lassen. Die Frage ist nun: Welche Ergebnisse hat diese Prozedur erbracht? Und: Sind sie im Ministerium für die Formulierung des Gesetzentwurfes von Nutzen?

Vorab ist es nicht ohne Belang, daß das Verfahren, ein Hearing des Parlaments zu einem in Thesenform veröffentlichten Diskussionskonzept der Exekutive einzuberufen, ungewöhnlich ist. Bisher galt die Regel, daß Anhörungsverfahren nur zu fertig formulierten Gesetzentwürfen stattfinden. Offenbar hatte auch Minister Leussink nicht damit gerechnet, daß der Ausschuß für Bildung und Wissenschaft unter Vorsitz des SPD-Abgeordneten Ulrich Lohmar die Informationsgespräche, die ursprünglich im Ministerium geführt werden sollten, in eigene Regie nehmen würde. Das erste Ergebnis des Hearings war demzufolge, daß dem Minister ein Strich durch die Rechnung gemacht und seine eigene Informationsstrategie hinfällig wurde. Daß der Affront beabsichtigt war, kann aus der Terminierung der ersten Ausschußsitzung abgelesen werden. Sie fand am gleichen Tag statt, an dem Leussink zum ersten Male zu einer Konferenz mit den Kultusministern der Länder zusammentraf. Am Hearing konnte er nicht teilnehmen.

Bedeutungsvoll für die Bewertung der Ergebnisse des Hearings ist nicht minder die inhomogene Zusammensetzung der eingeladenen Hochschulgruppen und -verbände, von deren Vertretern sich die Parlamentarier informieren lassen, um sich letzten Endes mangels eigener Sachkompetenz ganz auf sie zu verlassen.

Angehört wurde von dem Ausschuß von ganz links bis ganz rechts jeder, der auch nur von ferne in Verdacht stand, für die Hochschulpolitik interessant zu sein, der Spartakusbund ebenso wie die Deutschen Burschenschaften, der Hochschullehrerverband wie die Bundesassistentenkonferenz (BAK), deren Vertreter schon auf Grund ihrer mit Sachverstand gepaarten Eloquenz eindeutig dominierten. Da die Westdeutsche Rektorenkonferenz noch Zeit brauchte, um sich ihren Beitrag zu den Thesen zu überlegen und deshalb nicht anwesend war, blieb die BÄK die einzige Hochschulgruppe, die durchdachte und praktikable Alternativvorschläge zu Leussinks Thesen parat hatte. Nach Meinung gerade der jüngeren SPD-Abgeordneten, die von einem Bundeshochschulgesetz „die Institutionalisierung neuer demokratischer Rechte“ in der Hochschule erwarten, sind es nur die Assistenten, auf deren Sachverstand Verlaß ist, nachdem die Studenten wie auch die Vertreter der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft als Berater ausfielen; denn was sie gegen die Thesen vorbrachten war ein Wust pauschaler Vorwürfe, aber kein Alternativprogramm.

Die Folge dieser Einladungsliste war, daß die verschiedenen Gruppen der Hochschule ungleich stark vertreten war. Mit wenigen Ausnahmen spielten die Professoren vor dem Ausschuß die kläglichste Rolle. Ohne viel Erfolg versuchten sie, auf die begrenzte Vereinbarkeit zwischen einem zum Schlagwort ausgewalzten „Demokratisierungs“-Begriff und einem Wissenschaftsbetrieb, der auf Qualitätsanforderungen nicht verzichten kann, aufmerksam zu machen. Doch Gehör fanden sie kaum, auch deshalb nicht, weil sie – mit zwei, drei Ausnahmen – ungewandt und in der Argumentation ungeschickt auftraten.

Die Auswahl der vor den Ausschuß gesandten Professoren-Sprecher erlaubt den Schluß, daß offenbar nur noch die falschen wagen, ihre Gedanken zu Hochschulproblemen öffentlich auszusprechen und zu diskutieren. Möglicherweise sind hier auch die Gründe zu suchen, warum Professoren zwar aufsehenerregende Alternativprogramme für den Bereich des Staatsrechts entwickeln, aber bisher noch keine ebenbürtige Gruppe aufgetreten ist, die sich geneigt gezeigt hätte, sich für das Hochschulrecht zu engagieren.

Ein Wunder war es jedenfalls nicht, daß die Professoren im Ausschuß schnell in die Rolle der angeklagten Reaktionäre gedrängt wurden, die es den Assistenten, an der Spitze ihrem Vorsitzenden Tilmann Westphalen, nur allzu leicht machten, den Parlamentariern das Versagen des Professorenstandes am lebenden Objekt zu demonstrieren. Verwunderlich war schon eher, daß der Ausschuß und sein Vorsitzender Lohmar dieses Spiel mitspielten, selbst wenn es auch dafür Erklärungen gibt: Wer heute noch in der Hochschulpolitik reüssieren will, tut offenbar gut daran, mit den Wölfen zu heulen und sich auf die Seite derer zu schlagen, die den vermeintlich einzig progressiven Ton angeben. Das sind nun einmal, die Assistenten, wobei übersehen wird, daß auch sie nicht allein zum Wohle der Hochschule reden, sondern wie alle anderen auch ein Interessenverband sind, der legitimerweise die Rechte und Ansprüche seiner Mitglieder durchzusetzen sucht.