Die SED kann ihre ehrgeizigen Wirtschaftspläne nicht verwirklichen

Von Joachim Nawrocki

Die Wirtschaft der DDR setzt zum großen Sprung nach vorn an. Sie will jetzt endlich die richtige Kurve kriegen. Das etwas paradoxe Motto, von Walter Ulbricht kürzlich verkündet und von allen Genossen jetzt pflichtschuldigst wiederholt, heißt: "Überholen, ohne einzuholen."

Erfahrung macht klug, und bisher hat die SED die Erfahrung machen müssen, daß alle Programme, den Westen wirtschaftlich einzuholen, sich als Fehlschläge erwiesen. So wurde 1959 die "ökonomische Hauptaufgabe" verkündet, die das Ziel proklamierte, den Verbrauch bei allen Lebensmitteln und Konsumgütern je Kopf der Bevölkerung bis 1961 über das Niveau der Bundesrepublik zu heben. Und bei der Verkündung des Siebenjahresplanes 1959 bis 1965 hieß es, am Ende dieser Planungszeit werde die Arbeitsproduktivität in der DDR höher sein als in der Bundesrepublik. Beide Ziele wurden bis heute nicht erreicht, der Plan wurde bald revidiert und schließlich aufgegeben.

Nun verzichtet man deshalb auf solche Pläne, deren Verwirklichung sich leicht nachprüfen läßt. Den Westen einholen, das sind saure Trauben. Die Wirtschaftsfunktionäre der DDR wollen sozusagen den Weg zur Überlegenheit des Sozialismus abkürzen, um plötzlich unversehens vor den Kapitalisten zu stehen, zumindest in den Bereichen Wissenschaft und Technik, und dort doch wenigstens auf einigen Gebieten.

Überholen, ohne einzuholen, nach einer Definition der Parteizeitung "Neues Deutschland" heißt das: "Wir wollen dem gegenwärtigen Welthöchststand nicht auf bereits mehr oder weniger bekannten Wegen nacheilen, um ihn zu erreichen. Vielmehr wollen wir, gewissermaßen an ihm vorbei, völlig neue Wirk- und Arbeitsprinzipien, neue Technologien erkunden und praktisch beherrschen und auf diese Weise einen neuen Höchststand bestimmen."

Fein hört sich das an, und da die Wirtschaftsinstanzen der DDR gerade einen Perspektivplan für die Jahre 1971 bis 1975 ausarbeiten, weiß man auch gleich, wann damit zu beginnen ist.