Von Eckart Spoo

München

Sind für Einsatz und Führung des Mitarbeiters besondere gesundheitliche oder private Gegebenheiten zu beachten?“ Solche nicht ganz unproblematischen Fragen zu beantworten gehört zu den Aufgaben eines Vorgesetzten bei Siemens.

Alle zwei Jahre werden Arbeitnehmer des Siemens-Konzerns von ihren Vorgesetzten auf vorgedruckten Formularen eingehend beurteilt. Über den Monteur X aus München, den Ingenieur Y aus Frankfurt a. M. oder den kaufmännischen Angestellten Z aus Westberlin erhält die zentrale Personalverwaltung auf diese Weise zahlreiche Informationen. Sie braucht unter der Viertelmillion Beschäftigten keine Suchmeldungen umlaufen zu lassen, wenn bei ihr für einen bestimmten Auftrag in einem bestimmten Land ein Belegschaftsmitglied mit bestimmten beruflichen Erfahrungen und bestimmten Sprachkenntnissen angefordert worden ist. Im Nu kann sie die Namen aller in Frage kommenden Fachkräfte präsentieren. Rationalisierung erspart Zeit und Mühe. Jeder soll an dem Arbeitsplatz eingesetzt werden, für den er die besten Fähigkeiten mitbringt. Das liegt nicht nur im Interesse der Firma, sondern auch im Interesse des einzelnen Arbeitnehmers. Was könnte es also für Bedenken gegen eine periodisch wiederkehrende zentrale Erfassung der Qualifikationen der Siemens-Beschäftigten geben?

So jedenfalls argumentiert die Konzernleitung, und es klingt plausibel. Die Beurteilung des Personals nach einem einheitlichen Schema ist in den letzten Jahren in etlichen großen Firmen nicht ohne wissenschaftlichen Beistand eingeführt worden. Zur Zeit bereitet man auch bei der Bundeswehr ein Beurteilungssystem vor, das auf alle heutigen Möglichkeiten elektronischer Auswertung zugeschnitten ist. Die Bundeswehr kann dabei auf Vorarbeit zurückgreifen, die insbesondere in einigen sie beliefernden Unternehmen geleistet worden ist, etwa in der Flugzeugfrabrik Dornier.

Der Vordruck, den die Vorgesetzten in dieser Firma auszufüllen haben, ist eine ganze Broschüre. Sie trägt den Titel Personal-Beurteilung – Vertraulich! und entstand unter Beratung des Betriebswissenschaftlers Professor Daenzer von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Trotz der in Anspruch genommenen wissenschaftlichen Autorität drängen sich aber Zweifel auf, ob die angewandten Beurteilungsmethoden geeignet sind, dem Arbeitnehmer gerecht zu werden, oder ob hier nicht vielmehr die Willkür zum System erhoben ist.

Solche Zweifel drängen sich schon auf, wenn zunächst recht knapp nach fachlicher Qualifikation und Leistung des Beschäftigten gefragt wird. Im Produktionsbereich des Unternehmens, vor allem da, wo die Beschäftigten bloß vorprogrammierte Arbeitsvorgänge immer aufs neue nachzuvollziehen haben, würden die Antworten der Vorgesetzten zwar einigermaßen objektiv ausfallen können, da Qualifikation und Leistung hier hinreichend meßbar und nachprüfbar sein mögen. Gerade in diesem Bereich macht sich jedoch die Firma die Mühe der Personalbeurteilung nicht. Bei Technikern, Ingenieuren, Kaufleuten hingegen dürfte eine objektive fachliche Beurteilung nicht immer leichtfallen.