Von Elena Schöfer

Der Vorsitzende des Deutschen Hilfswerks, der Kieler Oberbürgermeister Banner, scherzte: „Im richtigen Moment beherrscht auch das Establishment die Kunst des Umfunktionierens.“ Umfunktioniert wurde eine gar nicht mehr so seltene Auszeichnung von Künstlern mit „Goldenen Schallplatten“ in eine erstmalige Aktion namens „Vier goldene Räder“. Die Räder, denen man gleichsam Goldeswert zuerkennt, befinden sich an einem Mercedes-Bus vom Typ „O 309 D“; er ist ein Geschenk für die „geschützte Werkstatt des Berufsförderungswerkes Hamburg“, in der körperlich oder geistig Behinderte einen Arbeitsplatz gefunden haben.

Gemeinsam mit einer großen Schallplattenfirma gibt die von Jochen Richert organisierte Fernsehlotterie seit drei Jahren die sehr populäre Reihe „Konzert für Millionen“ heraus. Vier dieser Langspielplatten sind bisher jeweils mehr als 250 000mal verkauft worden; bei solchem Erfolg steht den beteiligten Künstlern nach den Sitten der Branche je eine „Goldene Schallplatte“ zu. Doch sie haben auf die hochkarätige, aber nutzlose Trophäe verzichtet und dafür den Ankauf des soliden und nützlichen Gefährts ermöglicht. Der Sonderbus ist eine Voraussetzung für die Arbeit in der geschützten Werkstatt.

Dort werden 270 Erwachsene betreut, auf deren Unbeholfenheit das Leistungssystem unserer Wirtschaft keine Rücksicht zu nehmen erlaubt; fast ein Viertel sind Schwachsinnige. Daß sie fähig sind, einfache Arbeitsgänge zu erlernen und kontinuierlich auszuführen, beweisen sie täglich an den verschiedensten Arbeitsplätzen. Die Gewandteren und Lernfähigeren sitzen an Nähmaschinen, schneiden farbige Papiertischdecken zu, erfüllen kompliziertere Aufgaben in der Tischlerei oder schweißen Windelhöschen und Plastik-Strumpfhosentüten.

Außer in der Lochkartenabteilung arbeiten überall geistig Behinderte neben Körperbehinderten. Dieses „Mischungsprinzip“ sichert allen die Aufmerksamkeit der jeweils weniger Hilflosen, regt ihre Aktivität an und fördert die sozialen Kontakte. Auch die wenigen im letzten Jahr erstmals aufgenommenen psychisch Gestörten werden in die „gemischten“ Arbeitsgruppen integriert. Für sie ist es eine Übergangslösung zwischen der Vollhospitalisierung und dem „Leben draußen“.

Die Mehrzahl der Behinderten, die hier nach sorgfältiger Prüfung ihrer Fähigkeiten in der Testwerkstatt einen geeigneten Arbeitsplatz gefunden haben, wird in der geschützten Werkstatt freilich bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Berufsleben bleiben. Nur sechs bis acht Behinderten jährlich gelingt der Absprung in die freie Wirtschaft.

Diese niedrige Quote ist nicht allein durch die schweren Leiden bedingt, die zum Teil Spezialmaschinen und besonders eingerichtete Arbeitsplätze erforderlich machen. Die Schwierigkeiten beginnen schon bei der Frage: Wie komme ich in meinen Betrieb? Die öffentlichen Verkehrsmittel sind so konstruiert, daß Spastiker und Gelähmte mit oder ohne Rollstuhl sie üblicherweise nicht benutzen können; und für eigene, auf die individuelle Behinderung zugeschnittene Fahrzeuge kann die Sozialbehörde nur dann Zuschüsse und Darlehen gewähren, wenn es sich lohnt, das heißt: nur wenn ein genügend großer wirtschaftlicher Ertrag von der Arbeit zu erwarten ist.