Von Gabriel Laub

Wir sprechen heute viel zuviel über die Probleme, die Ost und West trennen. Dabei wird leider allzu häufig übersehen, daß es trotz aller ideologischen Differenzen noch so manches Verbindende gibt – zum Beispiel die Liebe zum Fragebogen. Ob man in der östlichen Planungsbürokratie oder im westlichen Großunternehmen als Pförtner oder Manager sein Brot verdienen will, vor den Erfolg haben die Bürokraten aller Länder den Fragebogen gesetzt. Gabriel Laub, ein gebürtiger Prager, hat in Ost und West Erfahrungen gesammelt.

Die Menschheit zerfällt in zwei Teile: in jene, die persönlich Fragebogen ausfüllen, und in diejenigen, die deren Ausfüllung verlangen. Es soll übrigens auch ein gemischtes Spezies existieren, also Leute, die zum einen ausfüllen, zum anderen die Ausfüllung verlangen. Das sind besonders tragische Fälle, denn im Verlauf der einen Tätigkeit müßten sie doch entdecken, wie unsinnig die andere ist. Warum füllt man Fragebogen aus?

Die Vermutung, daß wir Fragebogen ausfüllen, um eine Stellung zu bekommen, erweist sich bei Licht besehen als wenig stichhaltig. Denn es gibt nur drei Arten von Stellen, um die sich Leute bewerben können:

  • Zur ersten Kategorie gehören Stellen, wo man nichts zu können und auch nichts zu tun braucht; es genügt, wenn man versteht zu tun, als täte man etwas. Auf so einen Posten gelangt man einzig, wenn man an der Arbeitsstelle gute Bekannte hat.
  • Dann gibt es Aufgaben, für deren Erfüllung man etwas Konkretes können und tun muß. Dort wird man nur aufgenommen, wenn die Leute einen kennen.
  • Schließlich gibt es Stellen, wo man jeden nimmt.

In keinem dieser Fälle ist der Fragebogen für die Einstellung des Ausfüllenden irgendwie von Bedeutung. Was freilich nicht bedeutet, daß er für die Nichteinstellung bedeutungslos wäre. Vor allem, was die Kategorie zwei betrifft, denn dort sind die Gründe für ihre Einstellung kühl und unpersönlich – es geht nur darum, ob Sie etwas können und ob die Firma Sie braucht. So oft Sie sich hinsetzen, um einen Fragebogen auszufüllen, legen Sie einen Zettel mit der angelsächsischen Formel für Untersuchungsgefangene vor sich auf den Tisch, die Sie gewiß aus Krimis kennen: „Was immer Sie jetzt aussagen, kann gegen Sie verwendet werden!“

Diese Eigenschaft des Fragebogens war schon im alten Ägypten bekannt. Ein Beweis dafür ist die biblische Geschichte von Joseph, den man aus dem Gefängnis schnurstracks auf einen Ministersessel beförderte, und zwar allein auf Grund seiner hervorragenden Qualifikation als Traumdeuter, Planer und Organisator, ohne daß er irgendeinen Fragebogen hätte ausfüllen müssen. Hätte er das nämlich getan, würde man ihn gewiß nicht mit dem hohen Posten betraut haben; wie könnte man eine so verantwortliche Stelle auch einem Mann geben, der Gauner zu Brüdern hatte, die sich nicht einmal scheuten, ihren eigenen Bruder in die Sklaverei zu verkaufen! Die