Kurz vor der Machtergreifung der Kommunistischen Partei Chinas unter Führung Mao Tse-tungs im Jahre 1949 flüchteten die nationalchinesische Kuomintang-Partei Tschiang Kaischeks und ihre Anhänger nach Taiwan. Damals haben weder die Kommunisten noch die Amerikaner geglaubt, daß dieses Exil-Regime auf der kleinen Insel zwei Jahrzehnte lang bestehen würde. Zumindest völkerrechtlich ist die staatliche Existenz der Republik China (Taipei) nunmehr ebenso real wie die der Volksrepublik China (Peking), auch wenn der Alleinvertretungsanspruch der ersteren für das ganze chinesische Volk irreal ist.

Es lohnt sich, der Frage nachzugehen, welche entscheidenden Umstände damals Tschiangs Niederlage und Maos Sieg vorausgegangen waren. Diese Schicksalsjahre der chinesischen Revolution wurden neuerdings aus zwei verschiedenen Perspektiven betrachtet:

Jürgen Domes: „Vertagte Revolution – Die Politik der Kuomintang in China, 1923-1937“; Bd. 3 der „Beiträge zur auswärtigen und internationalen Politik“, hrsg. von Richard Löwenthal und Gilbert Ziebura; Walther de Gruyter & Co., Berlin 1969; 795 S., 124,– DM.

Edgar Snow: „Roter Stern über China“ („Red Star over China“); übersetzt von Gerold Dommermuth/Heidi Reichling, durchgesehen von Anna Wang; März Verlag, Frankfurt 1970; 666 S., 25,– DM (Paperback), 48,– DM (Leinen).

Domes ist ein deutscher Politologe, Snow ein amerikanischer Journalist; der Deutsche sympathisiert unverkennbar mit der Kuomintang, der Amerikaner dagegen überzeugt mit den Kommunisten. Ihre Schlußfolgerungen weichen erheblich voneinander ab: Während Domes daran gelegen ist zu erklären, warum die von der Kuomintang angestrebte Revolution zuletzt „vertagt“ werden mußte, versucht Snow darzustellen, warum die kommunistische Revolution gesiegt hat.

Als 1924 der erste Nationalkongreß der Kuomintang stattfand,. wurde die drei Jahre zuvor gegründete Kommunistische Partei als Mitläufergruppe zugelassen. Die Kuomintang sollte eine revolutionäre Partei sein; als ihr Programm übernahm sie die volksbezogenen „drei Grundlehren“ Sun Yat-sens: Volkseinheit (Nationalismus), Volksherrschaft (Demokratie) und Volkswohlfahrt (Sozialismus). Jedoch die Zusammenarbeit mit den Kommunisten kam bald zu Ende, weil sich Tschiang 1927 von ihnen ab wandte und sie sogar verfolgte.

Nach diesem „Verrat“ gelang es Tschiang zum ersten Male, eine gesamtnationale Regierung in Nanking zu gründen und ihr formell fast ganz China zu unterstellen. In der Tat erlebten die Chinesen in den folgenden zehn Jahren („Das Dezennium von Nanking“) die stabilste Regierung seit dem Untergang des Kaiserreiches im Jahre 1911. Domes stellt mit Recht fest, daß die Kuomintang bis zum Ausbruch des japanischchinesischen Krieges im Jahre 1937 „erhebliche entwicklungspolitische Leistungen“ (im Finanz- und Verkehrswesen, in der Außen- und Bildungspolitik) vollbracht hat. Der Krieg habe dann allerdings nicht nur zu einer schweren wirtschaftlichen Krise in China geführt, „sondern auch zu einer empfindlichen Dezimierung der militärischen und zivilen Kader der Kuomintang, und die Nationalarmee derart geschwächt, daß sie 1945 nur noch bedingt einsatzfähig (gegen die Kommunisten) war“.