Am Starnberger See, wo er seit langem gelebt hatte, starb in der vergangenen Woche achtundsechzigjährig W. E. Süskind. Der Schriftsteller, der im Impressum der „Süddeutschen Zeitung“ als einer ihrer „leitenden politischen Redakteure“ stand, war seiner Herkunft nach eher ein Mann der Literatur als der Politik. Seine frühen erzählerischen und lyrischen Versuche hatten einst im Münchner Hause Thomas Manns Gefallen gefunden. Später redigierte er die Zeitschrift „Die Literatur“ und zuletzt das Literaturblatt der alten „Frankfurter Zeitung“. 1945 zog er aus der Einsicht, daß Deutschlands Intellektuelle sich immer zuwenig um die öffentlichen Dinge gekümmert haben, die Konsequenz, politischer Publizist zu werden. Er berichtete über den Nürnberger Prozeß, schrieb Leitartikel und Kommentare – und blieb, ob er wollte oder nicht, der Literatur verhaftet. Wie sehr er du absolute Gehör für Nuancen des sprachlichen Ausdrucks besaß, bezeugen ebenso seine sprachkritischen Bücher („Vom Abc zum Sprachkunstwerk“, „Wörterbuch des Unmenschen“) wie seine leichten und genauen Übersetzungen (etwa der großen Tania Blixen). Nach außen kaum sichtbar war, was er an mühe- und liebevoller Kleinarbeit beim Redigieren fremder Zeitungsmanuskripte geleistet hat; das „Streiflicht“ der Süddeutschen Zeitung“ verdankt einen guten Teil seines Rufs dem anonymen Wirken Süskinds. Als er am Ende, nach einem ersten Schlaganfall vor drei Jahren, nicht mehr aktiv am politischen Teil seiner Zeitung mitwirken konnte, da schickte er der Redaktion keineswegs, wie jetzt der „Spiegel“ behauptete, nur Lokalglossen, sondern eine erstaunliche Fülle großer Rezensionen – da schien er wieder ganz zur Welt der Bücher zurückgekehrt, in der er begonnen hatte.

Rudolf Goldschmit