Von Theo Löbsack

„Aufruf“ steht über einem Protestschreiben, das der „Weltbund zum Schutze des Lebens“ dieser Tage in Süddeutschland verteilt hat. Die Empörung der Lebensschützer richtet sich gegen den Plan des Karlsruher Badenwerkes, zehn Kilometer südlich von Speyer auf der Rheinschanzinsel bei Philippsburg ein Atomkraftwerk zur Elektrizitätsgewinnung zu errichten und damit neue Gefahr für den Rhein und für die Bevölkerung heraufzubeschwören. Bis zum 11. Mai dieses Jahres, dem behördlichen Erörterungstermin, soll die Bevölkerung laut Flugblatt gegen das Vorhaben des Baden Werkes protestieren: beim Bürgermeisteramt in Philippsburg, beim Landratsamt Bruchsal oder auf dem Stuttgarter Wirtschaftsministerium.

In der Tat müssen ernstlich Zweifel angemeldet werden, ob die mittlerweile auf 16 angestiegene Zahl geplanter Kernkraftwerke am Oberrhein dem Strom und den Ufergemeinden gefahrlos zugemutet werden kann. Dr. Martin Eckholdt von der Koblenzer Bundesanstalt für Gewässerkunde hat jüngst auf die Folgen einer derartigen Massierung hingewiesen. Eckholdts Sorge gilt vor allem dem Kühlwasserbedarf der Atomgiganten: Sekündlich sollen 150 Hektoliter Kühlwasser, das sind 13 Millionen Hektoliter jeden Tag, selbst von kleinen Werken verbraucht werden, eine Menge, die die Vorstellungskraft des unbefangenen Bürgers schlicht übersteigt.

Wenn es dazu kommen sollte, daß einige europäische Elektrizitätsgesellschaften im kommenden Jahrzehnt tatsächlich 15 bis 16 Atommeiler am Oberrhein installieren, so würde dies bemerkenswerte Folgen für den Rhein und seine Uferzonen haben. Sieht man von den Sicherheitsproblemen ab, die sich aus dem Umfang des erforderlichen Strahlenschutzes ergeben, so muß zu Recht befürchtet werden, daß der Strom vom erhitzten Kühlwasser von Werk zu Werk stromabwärts eskalierend erwärmt wird. Welche Werte diese Erwärmung erreichen kann, steht zwar noch dahin, doch sind schon 40 bis 50 Grad Celsius genannt worden. Fraglos würde das für die Fische, die heute noch trotz Abwässer und chemischer Schadstoffe den Rhein bevölkern, den Tod bedeuten.

Auch zahlreiche andere Tiere würden kaum noch weiterexistieren können, da ihre Temperaturmaxima überschritten würden. Gänzlich neue, heute noch nicht abschätzbare biologische und meteorologische Verhältnisse würden geschaffen. Welcher Art Leben im heißen Fluß dann noch existieren wird, hinge auch davon ab, welche chemischen Reaktionen durch die zu jener Zeit in den Fluß geleiteten Abwässerbestandteile unter derartigen Temperaturen ausgelöst würden.

Weiterhin wäre eine neuartige Geruchsbelästigung nicht auszuschließen – insbesondere bei niedrigem Wasserstand. Sie hätte ihre Ursache in dem Düngeeffekt phosphathaltiger Abwässer und würde vor allem die Seitenarme und bestimmte Uferregionen betreffen. Die im erhitzten Wasser noch gedeihenden Pflanzen und Einzeller würden sich möglicherweise stark vermehren. Zersetzen sie sich dann unter Sauerstoffmangel, so würde sich Faulschlamm bilden, der Schwefelwasserstoff produziert.

In den ruhigen Seitenarmen, vielleicht auch im Uferbereich und namentlich bei niedrigem Wasserstand würden mit großer Wahrscheinlichkeit auch günstige Vermehrungsbedingungen für wärmeliebende Bakterien geschaffen, darunter tierpathogene Keime, die in unseren Breiten sonst nicht vorkommen. Aber dies wären nur einige der möglichen Folgen.