Von Cornelia Jacobson

Dagmar S. sagt es mit einem Achselzucken: „Wer sich als verheiratete Frau weiterbildet, der darf nicht mit dem Verständnis seiner Mitmenschen rechnen.“

Als sie vor Jahren ihr Fernstudium begann, um über den zweiten Bildungsweg bei der „Akademikergesellschaft für Erwachsenenfortbildung“ das Abitur zu machen, hatte sie im Bekanntenkreis davon erzählt. Die Reaktionen gingen vom erstaunten „Aber du bist doch verheiratet“, über ein mitleidiges „Laß es, du schaffst es doch nicht“, bis zum aggressiven „Du solltest dich lieber um deine Familie kümmern“.

Dem Mann, der nach Höherem strebt, wird allgemein Achtung gezollt. Anders bei einer Frau. Da scheint der Wunsch nach mehr Wissen suspekt zu sein; verrät er bei einer Frau vielleicht Unzufriedenheit, Unrast, ja – Unweiblichkeit?

„Die Leute müssen das wohl denken“, meint Dagmar S., „aber irgend etwas wie Neid ist auch dabei.“

Dagmar S. zog es sehr bald vor, sich über ihren Lerneifer auszuschweigen. Sie erzählt mir, daß sie mit dieser Erfahrung nicht etwa allein dasteht. Ihren Studienkolleginnen sei es genauso ergangen wie ihr, man habe sich oft darüber unterhalten. Eine habe nicht einmal ihren Schwiegereltern gesagt, daß sie nun studiere, weil sie die leidigen Auseinandersetzungen um ihren „Bildungsfimmel“ leid war.

Dagmar S. ist gewiß kein Blaustrumpf mit einem Hang zum Verfolgungswahn. Sie ist eine ausnehmend hübsche junge Frau von 26 Jahren. Während sie ihren sechsjährigen Sohn auf den Schulweg schickt, das Einjährige zum Vormittagsschlaf ins Bett steckt, erzählt sie ihre Geschichte.