Der einflußreichste Sozialdemokrat seit Kurt Schumachers Tod – Ein Gespräch mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden

Herbert Wehner wird im Sommer 64 Jahre alt. Nichts davon ist ihm anzumerken: Der Vulkan sprüht noch immer Feuer und Lava. Auch unter vier Augen gibt es kein sanftes Säuseln, eher verhaltenes Stakkato. Ruckartige Bewegungen begleiten jeden Übergang zu einem neuen Gedanken. Zwischen leidenschaftlicher Aufwallung und einem leichten Anflug von Melancholie hin- und hergerissen, läßt Wehner die letzten Wochen Revue passieren – bis hin zu jenem Mittwoch in der vorigen Woche, an dem er während der Bundestagsdebatte über Brandts Amerika-Reise bei seiner Replik auf Rainer Barzel explodierte, ihn einen „Pappkameraden“ und einen „Schleimer“ nannte und nicht nur seinen Gegnern, sondern auch vielen seiner Parteifreunde einen Schock versetzte. „Nichts ist mir herausgerutscht“ – Wehner sagt es ruhig und gelassen.

Aber er, der mit dem Wort nicht zimperlich umgeht, wenn es zum Rencontre kommt, ist nicht der unverwundbare alte Haudegen mit einer Elefantenhaut, als der er manchen gilt. Die Haut ist dünn, viele schnell schmerzende Narben aus zwei Jahrzehnten Bonn sind zurückgeblieben. Auch jetzt noch, Tage danach, bricht es plötzlich aus ihm heraus, als säße Barzel leibhaftig vor ihm: „Die Opposition war eine tobende Meute.“ Und: „Wir sind zwei Parteien mit erheblichen Unterschieden, aber CDU und CSU wollen, daß zwischen ihnen und uns unbedingt ein Graben verlaufen muß.“

Bloß künstlich sei der Versuch der Opposition, so glaubt Wehner, die Kluft in der Ost- und Deutschlandpolitik zu erweitern; aber Barzel wolle daraus für sich persönliches Kapital schlagen. „Mir macht es, weiß Gott, keinen Spaß, die Opposition in die Schranken zu weisen.“ Die bei manchen Unionspolitikern mitschwingende und von einigen sogar unverhohlen ausgesprochene Verdächtigung, die erste sozialdemokratisch geführte Bundesregierung verschleudere in westlicher und östlicher Richtung die deutschen Interessen, ist für ihn eine Herausforderung ohnegleichen. So betreibt er die Abschirmung seiner Partei vor solchen Unterstellungen und deren Eindämmung im Grunde als seine höchst persönliche und sich selbst auferlegte Aufgabe. Und es wurmt ihn, wie wenig ihm dabei zur Seite gesprungen wird. Fast klingt ein wenig Resignation an, als er sagt: „Ich weiß, die Leute in der Regierung degoutiert das.“

Ein Blick zurück über viele Jahre läßt Wehner häufiger in solchen Situationen erscheinen – als den Mann, der deutlicher zu sehen glaubt, als er es jedem seiner Parteifreunde zutraut, was der SPD jetzt frommt. Das war so Ende der fünfziger Jahre, als er mit eisernem Willen die Partei durch das Nadelöhr des Godesberger Programms hindurchzwang und in eine Volkspartei umformte; das setzte sich Anfang der sechziger Jahre fort, als er für das Verhältnis zur damals regierenden CDU eine Art kooperativer Rivalität durchsetzte; das kulminierte im Spätherbst 1966 in der Bildung der Großen Koalition, für die er auch Willy Brandt erst gewinnen mußte. Die Linie läßt sich fortsetzen – bis zur Übernahme der Bundesregierung.

Niemand hat die SPD so hart die Sporen fühlen lassen wie Herbert Wehner. Niemand außer ihm hat so viele einsame Beschlüsse gefaßt und sie zugleich auch durchgezoge. Niemand sonst in der SPD steht seit zwei Jahrzehnten in vorderster Linie auf dem Felde der deutschen Nachkriegspolitik. Nach Kurt Schumachers Tod vor achtzehn Jahren ist er zur einflußreichsten Gestalt der Partei aufgestiegen.

Wenn ein solcher Mann im Bundestag verbal detoniert, dann ist das nicht irgendeine Explosion. Bei einem Politiker mit so vielen Facetten ist dann zugleich auch immer ein Stück Taktik, wenn nicht Strategie im Spiel. Jedenfalls genügt es nicht, nur in der einen oder anderen Verbalinjurie herumzustochern und sich irritiert abzuwenden. Für den sozialdemokratischen Fraktionsvorsitzenden ist die Zeit angebrochen, da er der Bundesregierung den Rücken im Parlament freihalten will und dabei auch die Konfrontation mit der Opposition nicht scheut.